17.02.2026

Leistungsphase 6 neu gedacht: Emissionsarme Baustoffe verbindlich ausschreiben

Leistungsphase 6 neu gedacht: Emissionsarme Baustoffe verbindlich ausschreiben

Mit der Veröffentlichung des Leitfadens „Leistungsphase 6 – Vorbereitung der Vergabe. Ausschreibungs- und ausführungsrelevante Angaben der Tragwerksplanung zur Reduktion der grauen Treibhausgas-Emissionen von Beton, Betonstahl und Baustahl“ legt der Ausschuss Nachhaltigkeit der Ingenieurkammer-Bau NRW ein praxisnahes Arbeitsdokument für Planerinnen und Planer, öffentliche und private Auftraggeber sowie ausführende Unternehmen vor.

Graue Emissionen gezielt mit der Ausschreibung reduzieren

Der Hintergrund: In absehbarer Zukunft wird der überwiegende Teil der Treibhausgasemissionen von Gebäuden nicht mehr aus dem Betrieb, sondern aus der Konstruktion selbst stammen, den sogenannten grauen Emissionen. Das Tragwerk verursacht dabei rund 60 bis 70 Prozent dieser Emissionen. Durch die Festlegung marktverfügbarer Grenzwerte für das Treibhauspotenzial (Global Warming Potential, GWP) von Baumaterialien kann das Treibhauspotenzial eines Gebäudes gegenüber dem Status quo um etwa 20 bis 40 Prozent gesenkt werden.

Genau hier setzt das neue Dokument an: Es stellt konkrete Ausschreibungstexte für die Leistungsphase 6 nach HOAI zur Verfügung. Also für die Phase der Vorbereitung der Vergabe. Im Fokus stehen die emissionsintensiven Materialien Beton, Betonstahl und Baustahl.

Konkrete Grenzwerte statt allgemeiner Zielvorgaben

Der Leitfaden definiert für die genannten Baustoffe maximal zulässige Werte für das Treibhauspotenzial (GWP-total), differenziert nach Lebenszyklusmodulen gemäß DIN EN 15804 (A1–A3, C3, C4 und D). Die Systematik wird im Dokument erläutert und grafisch dargestellt. Für die drei Materialien Beton, Betonstahl und Baustahl werden Grenzwerte in kg CO₂-Äquivalent pro Kubikmeter bzw. Tonne der Materialien angegeben. Wesentlich ist dabei: Die Grenzwerte basieren auf umfangreichen Marktrecherchen und Abstimmungen entlang der Wertschöpfungskette – von Transportbetonwerken über Biegebetriebe bis zu Stahlherstellern. Ziel ist es, ambitionierte, aber realistisch erreichbare Anforderungen zu formulieren.

Was bei der Anwendung zu beachten ist

Das Dokument versteht sich ausdrücklich als Arbeitshilfe. Bestimmte Textpassagen sind projektspezifisch anzupassen. Zudem empfiehlt der Ausschuss, vertragliche Regelungen – etwa zu Vertragsstrafen bei Nichteinhaltung – juristisch prüfen zu lassen.

Die Festlegung von ambitionierten Grenzwerten für das Treibhauspotenzial von Baumaterialien kann folgende Auswirkungen auf den Baubetrieb haben, auf die der Auftraggeber vorab hingewiesen werden sollte.

  • Reduktion der Anzahl der in Betracht kommenden Materialhersteller und -lieferanten; bei angemessener Wahl der Grenzwerte jedoch nicht auf eine Anzahl unter drei

  • Höhere Materialkosten in der Größenordnung von 5 bis 10 %

  • Längere Ausschalfristen für Stahlbetonbauteile aufgrund der langsameren Festigkeitsentwicklung des Betons; u.U. erhöht sich das Prüfalter des Betons von 28 auf 56 Tage

  • Höhere Kosten für Schalung, Hilfsstützen und Nachbehandlung des Betons

Zugleich werden klare Nachweis- und Dokumentationspflichten formuliert: Umwelt-Produktdeklarationen (EPD) nach ISO 14025 und EN 15804+A2 sind bereits im Angebot oder spätestens vier Wochen nach Beauftragung vorzulegen. Während der Bauausführung ist die Übereinstimmung jeder Lieferung mit der jeweiligen EPD nachzuweisen.

Ein Instrument für wirksamen Klimaschutz im Tragwerk

Mit dem Leitfaden macht der Ausschuss Nachhaltigkeit deutlich: Klimaschutz im Bauwesen entscheidet sich nicht allein in politischen Zielsetzungen, sondern in der konkreten Ausschreibung. Wer Emissionen wirksam senken will, muss Anforderungen messbar definieren und ihre Einhaltung kontrollieren.

Das Dokument bietet hierfür eine fundierte Grundlage. Es unterstützt Tragwerksplanerinnen und Tragwerksplaner dabei, Nachhaltigkeitsziele in der Vergabepraxis zu verankern: fachlich präzise, marktgerecht und überprüfbar.

>> Der Leitfaden steht hier ab sofort zum Download bereit