18.02.2026

Der EasyCode für den Stahlbau will nicht ersetzen, sondern vereinfachen und ordnen: Er bündelt das, was im Planungsalltag zählt – und lässt Raum für den Rest. Im Interview erklären Prof. Dr.-Ing. Markus Feldmann (RWTH Aachen) und Prof. Dr.-Ing. Jörg Laumann (FH Aachen), wie aus einer Wettbewerbsidee ein praxistaugliches Regelwerk wurde, warum Vereinfachung ohne Beliebigkeit möglich ist und welche Fragen sich mit Blick auf die nächste Eurocode-Generation bereits heute stellen.
IK-Bau NRW: Wann und auf welchem Wege ist die Idee des Easycode erstmals an Sie herangetragen worden?
Jörg Laumann: Die ersten Fragen gab es schon nach Einführung der Eurocodes: Wie kann man das vereinfachen? Ausschlaggebend war dann der Wettbewerb zur Entwicklung der Richtlinie. Wir beide haben mit getrennten Beiträgen teilgenommen, beide den ersten Platz belegt.
Markus Feldmann: Das war die Stahlbaurichtlinie. Der Wettbewerb war im Jahr 2015. So sind wir zusammengeführt worden, und dann war die Idee: Wir machen das gemeinsam.
IK-Bau NRW: Wie sind Sie methodisch an die Entwicklung des Easycode herangegangen?
Markus Feldmann: Abgefragt wurde: Wie baut man ein Konzept auf? Was sind Merkmale vereinfachter Normung im Stahlbau? Mein Schwerpunkt war der Aufbau und der „Bemessungslauf“: vom Großen ins Kleine, so wie es im täglichen Ablauf der Tragwerksplanung passiert. Dazu gehören Vereinfachung, aber auch Darstellung, Erklärung von Hintergründen und die Integration von Normteilen, die im Eurocode 3, also dem „Mutterdokument“ und in anderen Eurocodes, an vielen Stellen verstreut sind.
Jörg Laumann: Die Grundidee war bei uns ähnlich, auch wenn die Anträge sich unterschieden haben. Deshalb konnten wir uns schnell darauf einigen, wie wir es gemeinsam erarbeiten.
IK-Bau NRW: Wie lief die Arbeitsteilung, als Sie gemeinsam weitergemacht haben?
Jörg Laumann: Zuerst haben wir ein Grundkonzept für den Aufbau entwickelt – und daran im Grunde nicht mehr viel geändert. Der rote Faden war: vom Großen ins Kleine. Erst das Gesamtsystem, dann die Detailnachweise. Wir haben uns auf Layout und Gesamtstruktur geeinigt und dann kapitelweise aufgeteilt: Danach haben wir unsere Kapitel zusammengefügt.
Markus Feldmann: Das ist ein Unterschied zum „großen“ Eurocode: Dort kann man relativ schnell in die Detailnachweise rutschen, bevor man sich mit den globalen Dingen auseinandersetzt, z. B. den Belastungen oder dem statischen System. Bei uns wird erst das globale System behandelt, dann der Rest. Im Stahlbau ist das aus unserer Sicht zweckmäßiger.
IK-Bau NRW: Der Easycode konzentriert sich ausdrücklich auf Standardfälle. Nach welchen Kriterien haben Sie entschieden, welche Standardfälle aufgenommen werden und welche nicht?
Jörg Laumann: Wir haben von vornherein festgelegt: Der Easycode soll den Anwender abholen, der nicht den ganzen Tag Stahlbau macht, sondern auch Holzbau oder Massivbau, also jemanden, der im Wechsel arbeitet. Er soll übliche Träger, etwa im Wohnungsbau, bemessen können, aber auch eine übliche Stahlhalle, inklusive Detailnachweisen. Und weil Hallen heute häufig einen leichten Brückenkran haben, sollte das ebenfalls abgedeckt sein. Dazu kommen typische Fachwerkkonstruktionen. Daraus sind Methoden und Kapitel entstanden.
Markus Feldmann: Man kann das nur grob fassen. Eine scharfe Abgrenzung gibt es nicht, wegen der Gestaltungsfreiheit und weil im Bauwesen viele Einflüsse zusammenkommen. Als Maßstab kann man zum Beispiel die Bauwerksklassen sehen: Eins und zwei sind meistens klar, bei drei geht ein guter Teil, daneben gibt es eine Grauzone. Wichtig war uns: Man kann immer mit dem Easycode anfangen und wenn man nicht weiterkommt, sprungfrei in den Eurocode wechseln. Das war ein Kernpunkt.
Jörg Laumann: Das Dokument soll den Eurocode 3 nicht ersetzen und nicht im Widerspruch stehen. Es ist als praktische Vereinfachung innerhalb der Konzepte des Eurocodes gedacht. Wir bilden einen Teil dessen ab, was der Eurocode ermöglicht, jedoch auf nur 159 Seiten. Aus unserer Sicht den großen Teil des normalen Tagesgeschäfts.
IK-Bau NRW: Haben Sie während der Entwicklung systematisch Rückmeldungen aus Planungsbüros gesammelt?
Markus Feldmann: Ja, es gab mehrere Runden von Beispielund Gegenrechnungen durch projektbegleitende Ausschüsse. Und es gab Diskussionen, etwa zu Anschlüssen. Dabei haben wir auch gesehen, dass in Deutschland teilweise noch mit Bemessungsweisen gerechnet wird, die im Eurocode so nicht mehr vorgesehen sind. Das führte zu Missverständnissen, die wir in mehreren Sitzungen ausräumen konnten.
Jörg Laumann: Außerdem gab es einen Praxistest: Zahlreiche Ingenieurbüros wurden aufgefordert, das Dokument anzuwenden. Das Feedback war durchweg positiv, verbunden mit dem Wunsch, noch mehr Inhalte aufzunehmen.
Markus Feldmann: Bis auf einen Diskussionspunkt rund um den Verweis auf die Typisierten Anschlüsse und das dort hinterlegte eurocodekonforme Konzept. Den Hinweis konnten wir nicht aufnehmen, weil der Easycode kompatibel zur eingeführten Norm sein soll.
IK-Bau NRW: Wo liegt für Praktikerinnen und Praktiker der größte Nutzen?
Jörg Laumann: Sehr positiv aufgenommen werden die vereinfachten Lastfallkombinationen. Die „Flut“ an Kombinationen bläht das Tagesgeschäft auf und es hilft, wenn man wieder Übersicht bekommt: Was ist überhaupt maßgebend? Dazu kommt: Klarheit, wann welcher Nachweis überhaupt zu führen ist. Zum Beispiel bei Kranbahnträgern: In welcher Kombination setze ich welche Lasten an, wann Seitenlasten, wann nicht.
Markus Feldmann: Grundsätzlich ist es ein Spannungsfeld: Man will es einfach und knackig – und braucht trotzdem genug Inhalt. Unser Maßstab war immer: Was benötigt ein Büro, das nur ab und zu Stahlbau auf den Tisch bekommt?
IK-Bau NRW: Was waren aus Ihrer Sicht die größten Hürden auf dem Weg?
Markus Feldmann: Der größte Zeitfaktor waren nicht technische Fragen, sondern sonstige Abstimmungen und Verfahren – das hat sehr verzögert.
Jörg Laumann: Hinzu kam die Arbeit an unterschiedlichen Formaten. Wir hatten eine zweispaltige Version, die wir für sehr gelungen hielten: mit Regeltext, dazu Erklärungen und Verweisen an den passenden Stellen. Das musste umgebaut werden, weil es in einem bestimmten formalen Rahmen so nicht vorgesehen war. Wir mussten das Dokument „auf links ziehen“ – und später wieder zurück. Das war sehr viel Arbeit. Markus Feldmann: Dazu kommt das Einspruchsverfahren: Zu einzelnen Regeln kommen Kommentare, oft mit Gegenvorschlägen. Damit muss man sich Punkt für Punkt auseinandersetzen und prüfen, ob Formulierungen besser werden. Das ist zeitaufwendig – gerade, wenn man Hintergründe immer wieder erklären muss.
IK-Bau NRW: Der Easycode ist seit September bauaufsichtlich eingeführt. Was hören Sie aus der Praxis?
Jörg Laumann: Das wird sich über die nächsten Monate zeigen. Aber das, was ich bisher gehört habe: war bislang ein sehr gutes Feedback. Die Leute freuen sich über ein übersichtliches Dokument und arbeiten damit. Und er scheint stark nachgefragt zu sein.
IK-Bau NRW: Ist die Idee auf andere Baustoffe übertragbar?
Jörg Laumann: Wir hatten eine Vorreiterrolle – und haben viele Erfahrungen gesammelt. Das kann helfen, auch für andere Baustoffe über so etwas nachzudenken.
Markus Feldmann: Man muss zwei Ebenen unterscheiden: europäisch und national. Die Eurocodes sind europäische Mutterdokumente. Im Stahlbau sind das viele Teile und viele Seiten, und in der zweiten Generation wird es noch mehr. Gleichzeitig gab es die Idee konsolidierter, integrierter Dokumente. Auf europäischer Ebene ist das schwierig, weil nationale Anwendungsdokumente eine Rolle spielen. Am Ende braucht der Anwender stets mehrere Dokumente. Deswegen wird die nationale Ebene entscheidend, ob integrierte, möglichst vereinfachende Dokumente entwickelt werden. Auch innerhalb Deutschlands zeigt sich, dass die Übertragbarkeit auf andere Bundesländer keine rein technische Frage ist.
IK-Bau NRW: Wie kann und soll sich das Thema Easycode Stahlbau weiterentwickeln?
Markus Feldmann: Wir haben 2012 begonnen, an der nächsten Generation des Eurocode zu arbeiten, 2015 am Easycode. Wir dachten, wir wären in anderthalb bis zwei Jahren fertig, am Ende waren es zehn Jahre. Und wir stehen fast schon wieder vor der Einführung der zweiten Eurocode-Generation. Ungünstig wäre, wenn der Eurocode der ersten Generation zurückgezogen und der der zweiten eingeführt wird, während der Easycode der ersten Generation gleichzeitig weiter gilt. Hieraus ergibt sich eine Aufgabe für die Zukunft.
Jörg Laumann: Wenn man den EasycodeEasycode ernst meint, muss man den nächsten Schritt gehen und die Kompatibilität zum zukünftigen Eurocode wiederherstellen. Die Grundlagen liegen vor, man könnte jetzt mit der Überarbeitung beginnen.


