10.11.2022

ChallengING - Herausforderung Klimaschutz

„Wir sind auf dem Highway zur Klimahölle - mit dem Fuß auf dem Gaspedal“ zitierte Moderator Ralph Erdenberger zum Auftakt der Diskussionsreihe "ChallengING - Herausforderung Klimaschutz" UN-Generalsekretär António Guterres. Aus der Warnung, gerichtet an die versammelten Regierungschefs auf der Weltklimakonferenz im ägyptischen Scharm el Scheich ergibt sich das Leitthema der Diskussionsrunde: Wie bekommen die Ingenieurinnen und Ingenieure den Fuß auf die Bremse?




Immerhin verursacht das Bauwesen rund 40 Prozent der deutschen CO₂-Emissionen, ist für 35 Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich und produziert 60 Prozent des Abfalls. Allein die Zementherstellung setzt doppelt so viel Kohlendioxid frei wie der Flugverkehr vor der Pandemie. Ingenieurinnen und Ingenieure im Bauwesen nehmen somit eine Schlüsselposition bei der Bekämpfung des Klimawandels ein und sie nehmen diese Rolle auch an. Das zeigte die hybride Podiumsdiskussion „Herausforderung Klimaschutz“ im Rahmen der ChallengING-Reihe der IK-Bau NRW. Am 8. November diskutierten Prof. Dr.-Ing. Christian Hartz, vom Lehrstuhl Tragkonstruktionen der TU Dortmund, Dipl.-Ing. Alexander Pirlet, Mitglied des Vorstandes der IK-Bau NRW und Dipl.-Ing. Christian Wrede, Bollinger+Grohmann unter der bewährten und sachkundigen Leitung des WDR-Moderators Ralph Erdenberger.

Eine Erderwärmung von 1,5 Grad Celsius hat die Staatengemeinschaft mit dem Pariser Abkommen völkerrechtlich verbindlich vereinbart und dieser Wert sei nicht willkürlich gewählt, so Christian Wrede, der zu Beginn der Diskussion kurz die Problemstellung skizzierte. Überschritten wir diese Grenze, steige die Gefahr, sogenannte Kippelemente auszulösen, wie beispielsweise das Abschmelzen der Polkappen. Diese Kippelemente seien irreversibel und verstärkten sich gegenseitig. Schon heute betrage die Erderwärmung gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter ungefähr 1,2 Grad Celsius. Deshalb bleibe nur wenig Zeit zu handeln, so Wrede.

Wie man als Tragwerksplanerin und Tragwerksplaner handeln kann, zeigte Christian Hartz anhand der Ergebnisse der Studie „Zur konstruktionsbedingten Treibhausgasemissionen (GWP) in der Tragwerksplanung“, die die IK-Bau NRW gemeinsam mit dem Verband der Prüfingenieure (VPI) bei der TU Dortmund in Auftrag gegeben hatte. Das vermeintlich ernüchternde Ergebnis: Keines der geprüften acht Deckensysteme und sechs Wandaufbauten führe unter den aktuellen Bilanzierungsvorschriften zu einer Nullemission. Trotzdem sei die Studie mehr als nur ein Anfang. Sie gebe dem Berufsstand ein praktikables Mittel an die Hand, die CO₂ -Emissionen eines Gebäudes zu optimieren. Die Studie vermittele aber auch die dringende Notwendigkeit weiterer Forschung, zumal sie nur den Neubau betrachte und das wichtige Feld der Sanierung im Bestand ausklammere. Die beschleunigte Suche nach Lösungen müsse daher mit allen politischen und gesellschaftlichen Mitteln unterstützt werden, so Christian Hartz.

Jetzt loszulegen und nicht zu warten, bis alles zu 100 Prozent durchgeplant ist, dafür plädierte auch Alexander Pirlet, der in der Kammer das Thema Klimaschutz bei der Bauwerkskonstruktion maßgeblich vorangetrieben hatte. Wichtig sei es, bezüglich der Emission grauer Energie Benchmarks zu schaffen. Beispielsweise könne es verpflichtend sein, mit dem Bauantrag die CO₂-Emissionen bei der Errichtung eines Gebäudes anzugeben und somit eine Vergleichsbasis zu schaffen, die es künftig Schritt für Schritt immer weiter zu unterbieten gelte. Entscheidend sei für ihn, dass die Studie Bauteile und nicht Baustoffe vergleiche. Es nütze in der Praxis wenig, wenn man nur feststelle, dass Beton mehr CO₂ emittiere als Holz. Es brauche vielmehr Pakete, mit denen sich planen lasse und dies mache die Studie möglich.

Christian Wrede warb eindringlich dafür, im Bauwesen die Prinzipien der Suffizienz, der Effizienz und der Kreislaufwirtschaft mit Leben zu füllen. Das bedeute, wir müssen uns teilweise mit weniger gebautem Raum begnügen. Bei der Errichtung eines Bauwerkes solle die Wiederverwendung der Bauteile schon eingeplant sein, sodass der Ressourcenverbrauch für neue Baumaterialien minimiert werde. Darüber hinaus sei es notwendig, die Effizienz der Baumaterialien zu erhöhen, d. h. weniger Material und dann im Hinblick auf die CO₂-Bilanz die richtigen Baustoffe zu nutzen. Hier gebe die Studie eine wichtige Orientierung.

Christian Harz eröffnete die historische Perspektive und erinnerte daran, dass wir jahrhundertelang praktisch schon zirkulär gebaut haben: Man wäre in der Vergangenheit gar nicht auf die Idee gekommen, Baumaterial zu deponieren. Im Sinne des zirkularen Bauens werde in dem Moment, wo dieses Prinzip allgemein anerkannt sei, das Bauwerk zu einer „Bank“, das Baustoffe als Wert einlagere, so Christian Wrede. Die Voraussetzung sei natürlich, dass jedes Bauelement mit seinen exakten Eigenschaften in einer Datenbank verzeichnet sei. Bis sich dies im Markt etabliert habe, brauche es aber wahrscheinlich zunächst eine strengere gesetzliche Regelung.

Viele Fragen, die die Teilnehmer der Open Space-Veranstaltung der IK-Bau NRW in Oberhausen im August dieses Jahres zum Thema „CO₂-Verbrauch in der Tragwerksplanung“ erarbeitet hatten, griffen die Experten in der Diskussionsrunde auf. So räumte Christian Wrede ein, dass das Gros der Auftraggeber nach wie vor mehr auf den Preis als auf das Treibhauspotenzial eines Bauwerkes achte. Aber es gebe auch Kunden, die nicht mehr auf konventionelle Lösungen setzten, sondern die für ihr Immobilienportfolio nachhaltige Gebäude wünschten und auch bereits seien, mehr dafür zu zahlen.

Alexander Pirlet warb dafür, beim Bau künftig neben die Währung „Euro“ gleichberechtigt die Währung „CO₂“ zu stellen und Gewohnheiten und Automatismen bei der Planung zu hinterfragen. Ein erhebliches Potenzial berge dabei die gemeinschaftliche Vorplanung der Fachplaner.

Christian Wrede bekräftigte seine zuletzt bereits im DIB 10/22 formulierte These, dass sich die konstruktionsbedingten Treibhausgasemissionen des Gesamttragwerks in etwa auf 70 Prozent im Vergleich zu konventionellen Lösungen reduzieren ließen. Natürlich komme es auf den Einzelfall an, aber das Potenzial lasse sich auf drei Einzelschritte herunterbrechen. Zunächst laute die Devise „educate your clients“. Man müsse mit dem Kunden über dessen Anforderungen, die nicht immer reflektiert seien, sprechen und Optionen aufzeigen. Hier liege oft bereits ein Einsparpotenzial von rund 20 Prozent. Im nächsten Schritt blicke man auf die Materialeffizienz, d. h. entweder nutze ich weniger Material oder eines, dass eine bessere CO₂-Bilanz aufweise. Damit eröffne sich ein Potenzial von weiteren 30 Prozent. Die noch fehlenden Prozent ließen sich nur durch die Wiederverwendung der Bauteile erreichen. Diese Prinzipien verankere man nun auch tief in der Lehre, so Christian Hartz. Es gelte, den Nachwuchs dafür zu sensibilisieren, mit vergleichenden Studien zu arbeiten und zu erkennen, wo sich Einsparpotenziale verbergen.

Dabei brauche es auf dem Weg, die Einsparziele zu erreichen, Anreize und gesetzliche Sanktionen, so Christian Hartz. In der Politik sei diese Botschaft auch auf höchster Ebene angekommen. Ursula von der Leyen, die in der EU das New European Bauhaus initiiert habe, sei dafür ein illustres Beispiel. Doch brauche es mit öffentlicher Unterstützung in Deutschland noch viel mehr Pilotprojekte, die vollständige unseren CO₂-Zielen entsprechen.

Einig waren sich die Diskutanten auch in der anschließenden Diskussion mit dem online zugeschalteten Publikum: Nicht alle Probleme sind heute bereits gelöst. Aber wir haben keine Zeit zu warten. Was heute getan werden kann, muss auch getan werden, ganz im Sinne der praktikablen Lösungen, die der Präsident der IK-Bau NRW, Dr.-Ing. Heinrich Bökamp, auf der letzten VVS Anfang November für den Berufsstand angemahnt hatte. Gleichwohl müssen Forschung und Innovationskraft des Bauwesens erheblich gestärkt werden, um Antworten auf die Fragen zu finden, deren Lösungen wir noch nicht kennen. Die IK-Bau NRW wird ihren Beitrag dazu leisten.


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