
Brücken prägen unsere Infrastruktur und bleiben doch oft unbeachtet. Der Bauingenieur und Fotograf Prof. Cengiz Dicleli beschäftigt sich seit Jahren mit Ingenieurbauwerken der Nachkriegszeit. Im Gespräch erläutert er, warum viele dieser Bauwerke gefährdet sind, welche Rolle Baukultur im Ingenieurwesen spielt und weshalb ein bewussterer Blick auf Brücken dringend notwendig ist.
Ausstellung
Brücken und mehr. Finsterwalder, Schambeck, Lohmer – Zusammenarbeit Ingenieur und Architekt
Ort: Baukunstarchiv NRW, Dortmund (Gartensaal)
Laufzeit: 17.04. – 21.06.2026
Öffnungszeiten: Di–So 14:00–17:00 Uhr, Mo geschlossen
Eintritt: frei
Inhalt:
Fotografien von Cengiz Dicleli zu Ingenieurbauwerken des 20. Jahrhunderts – mit Fokus auf Brücken von Finsterwalder, Schambeck und Lohmer. Die Ausstellung macht auf den kulturellen Wert und die Gefährdung vieler dieser Bauwerke aufmerksam.
IK-Bau NRW: Herr Prof. Dicleli, Sie sagen, viele Menschen sehen Brücken gar nicht. Was meinen Sie damit?
Cengiz Dicleli: Dass man sie schlicht nicht wahrnimmt. Als Autofahrer oder Fußgänger geht man über eine Brücke, nutzt sie, aber man sieht sie nicht. Vielleicht geht man einmal hinunter und schaut sie sich an. Aber das ist eher die Ausnahme. Brücken gelten leider auch nicht wirklich als Architektur.
IK-Bau NRW: Fehlt damit auch das Bewusstsein für den kulturellen Wert von Ingenieurbauwerken?
Cengiz Dicleli: Ja, eindeutig. Da gibt es große Unterschiede zwischen Architekten und Bauingenieuren. Architekten haben im Studium mehrere Semester Baugeschichte. Sie werden dafür sensibilisiert. Bauingenieure nicht, sie sind stärker auf das Konstruieren und Berechnen ausgerichtet. Das setzt sich später fort. Über Architekten gibt es zahlreiche Monografien. Über Bauingenieure so gut wie keine. Auch auf Fachveranstaltungen fehlt das Thema fast vollständig. Es gibt Hunderte Veranstaltungen von Bauingenieuren in Deutschland, aber kaum Vorträge zur Ingenieurbaugeschichte.
IK-Bau NRW: Warum haben Sie sich ausgerechnet auf Brücken konzentriert?
Cengiz Dicleli: Das hängt stark mit Ulrich Finsterwalder zusammen, mit dem ich mich intensiv beschäftigt habe. Er war ein bedeutender Brückenbauer der Nachkriegszeit. Über ihn bin ich zu diesen Bauwerken gekommen. Viele dieser Brücken sind heute gefährdet. Sie wurden in den 1950er- und 1960er-Jahren unter großem Zeitdruck gebaut, oft mit begrenzten Mitteln. Deshalb gelten sie heute oft als abbruchreif. Dabei könnten viele mit heutigen Möglichkeiten erhalten werden. Ein Beispiel ist die Nibelungenbrücke in Worms. Sie sollte abgebrochen werden. Durch unsere Arbeit wurde sie zum Forschungsobjekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Heute wird sie mit Sensoren überwacht, in Echtzeit, weltweit abrufbar.
IK-Bau NRW: Gibt es eine Brücke, die Ihnen besonders am Herzen liegt?
Cengiz Dicleli: Ja, das Unkelsteinviadukt bei Remagen. Ich war vor Kurzem noch einmal dort, um es zu fotografieren. Es ist ein Werk von Finsterwalder und Lohmer und besitzt diese markanten, fast dorischen Stützen. Die Brücke sollte eigentlich schon abgerissen werden. Ich habe versucht, mich für den Erhalt zumindest der Stützen einzusetzen. Aber das ist offenbar nicht möglich. Diese Brücke wird verschwinden. Und das ist ein Verlust.
IK-Bau NRW: Was wollen Sie mit Ihren Fotografien erreichen?
Cengiz Dicleli: Ich möchte ein Bewusstsein schaffen. Die Bilder sollen nicht romantisieren. Sie sollen zeigen: Diese Bauwerke sind da, aber sie verschwinden. Mich hat auch motiviert, dass sich kaum jemand mit diesem Thema beschäftigt. Architekten nicht, weil Brücken nicht als Architektur gelten. Bauingenieure auch nicht. Es gibt also eine große Lücke. Und es ist auch ganz konkret: Ich habe manche Brücke nicht fotografiert, die nun verschwunden ist. Das ist für mich ein großer Verlust. Man weiß oft gar nicht rechtzeitig, was abgerissen wird. Es gibt keine verlässlichen Übersichten. Man muss recherchieren und hoffen, dass man rechtzeitig davon erfährt.
IK-Bau NRW: Müsste man nicht schon im Studium ansetzen, um dieses Bewusstsein zu schaffen?
Cengiz Dicleli: Ja, unbedingt. Es müsste ein eigenes Fach geben – Ingenieurbaugeschichte, als Wahlpflichtfach wenigstens. Ich habe das mehrfach vorgeschlagen. Es braucht ein strukturiertes Fach, von Anfang bis Ende.
IK-Bau NRW: Wie kann die Zusammenarbeit von Architektinnen und Architekten sowie Ingenieurinnen und Ingenieuren besser gelingen?
Cengiz Dicleli: Entscheidend ist, dass man möglichst früh zusammenarbeitet. In der Praxis kommt der Ingenieur oft erst spät hinzu, wenn vieles schon festgelegt ist. Dann entstehen Konflikte. Im Brückenbau ist es teilweise umgekehrt, hier wird der Architekt oft später hinzugezogen. Dann bleibt oft wenig Gestaltungsspielraum. Die Brücke ist im Grunde reine Konstruktion, es gibt keine Fassade, kein Dach. Das führt manchmal zu kuriosen Lösungen. Besser ist es, von Anfang an gemeinsam zu arbeiten. Im Brückenbau geschieht das teilweise über Varianten: mehrere Tragwerkslösungen, die gemeinsam bewertet werden. Das ist der richtige Weg.
IK-Bau NRW: Das Dortmunder Modell sollte genau das ermöglichen. Ist es ein Erfolgsmodell?
Cengiz Dicleli: Es war nur möglich, weil es eine Neugründung war. In bestehenden Strukturen lässt sich so etwas kaum umsetzen. Auch in Dortmund selbst war es nicht einfach. Es war schwierig, geeignete Ingenieure zu finden, die sich darauf einlassen. Viele wollen sich auf Forschung konzentrieren. Wer sich im Dortmunder Modell engagiert, muss dort möglicherweise Kompromisse eingehen. Bei den Architekten ist es ähnlich: Sie leben von ihren Büros und Projekten. Zudem müssten die Architekten befürchten, dass die Kollegen draußen annehmen könnten, dass man in Dortmund keine Vollblut-Architekten ausbildet, weil zu viel Einfluss der Ingenieure toleriert wird. Und die Bauingenieure machten sich Sorgen, ob ihre Studierenden nicht „nur“ als Hochbauingenieure angesehen werden, weil Fächer wie Wasser- und Straßenbau aus gutem Grund nicht angeboten werden. Im Übrigen hat das Modell stark vom Engagement des Mittelbaus und der Studierenden gelebt. Ob es heute noch in dieser Form funktioniert, kann ich nicht sagen. Aber als Vorbild hat es sich leider nicht durchsetzen können.
IK-Bau NRW: Welche Rolle spielen Persönlichkeiten wie Finsterwalder, Lohmer und Schambeck?
Cengiz Dicleli: Finsterwalder war prägend. Bei Dywidag wurden Bauwerke vollständig verantwortet, vom Entwurf bis zur Ausführung. Das ist heute selten. Er hat entscheidend zur Entwicklung des Freivorbaus beigetragen, einer Methode, Brücken ohne aufwendige Gerüste zu bauen. Diese Technik wird bis heute weltweit eingesetzt. Gerd Lohmer war ein Architekt, der sich fast ausschließlich mit Brücken beschäftigte. Die Zusammenarbeit mit Finsterwalder war eng und offenbar auch persönlich sehr gut. Herbert Schambeck gehörte zur nächsten Generation, war zunächst der Brückenbaudirektor von Finsterwalder bei Dywidag und hat später eigene Projekte realisiert.
IK-Bau NRW: Wie sind Sie selbst zu diesem Thema gekommen?
Cengiz Dicleli: Ich bin 1943 in Istanbul geboren, habe in Berlin Bauingenieurwesen studiert und 1970 im Büro von Professor Stefan Polónyi begonnen. Über Dortmund kam ich an die Hochschule Konstanz. Das Dortmunder Modell hat mich geprägt, vor allem die Zusammenarbeit mit Architekten. Nach meiner Pensionierung 2009 konnte ich mich intensiver mit Ingenieurbaugeschichte und Fotografie beschäftigen. Daraus ist auch die Ausstellung entstanden.
IK-Bau NRW: Wie arbeiten Sie fotografisch?
Cengiz Dicleli: Ausschließlich digital. Aber die Technik ist nicht entscheidend. Man muss das sogenannte „fotografische Auge“ haben und den richtigen Blickwinkel wählen können. Wichtig ist auch die Vorbereitung: Recherche, Zugang, Perspektiven, Licht. Oft muss man mehrfach hinfahren. Manchmal hat man Pech: schlechtes Wetter, eingerüstete Brücken oder zugewachsene Sichtachsen. Das gehört dazu.
IK-Bau NRW: Was macht für Sie eine schöne Brücke aus?
Cengiz Dicleli: Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Mike Schlaich hat recht: Die Schönheit kommt aus dem Tragwerk. Bei Brücken ist die Konstruktion die Architektur. Aber im Detail ist es unterschiedlich. Mal ist es die Form, mal sind es Details – wie beim Unkelsteinviadukt die Stützen. Es gibt kein allgemeines Rezept.
IK-Bau NRW: Was wünschen Sie sich für den zukünftigen Brückenbau?
Cengiz Dicleli: Dass Gestaltung ernster genommen wird. Sie wird oft mit Mehrkosten gleichgesetzt, das stimmt nicht immer. Gute Lösungen sind auch ohne Mehrkosten möglich, wenn die richtigen Partner zusammenarbeiten. Und: Auch kleine Brücken verdienen gute Gestaltung. Das wird oft übersehen.
IK-Bau NRW: Was wünschen Sie sich für Ihre Ausstellung?
Cengiz Dicleli: Dass möglichst viele Menschen sie sehen. Nur dann kann sie etwas bewirken.
Cengiz Dicleli (geb. 1943 in Istanbul) ist Bauingenieur und Fotograf. Er studierte Bauingenieurwesen an der TU Berlin und arbeitete zunächst als Tragwerksplaner im Büro von Prof. Stephan Polónyi. Anschließend war er am Aufbau der Fakultät Bauwesen der Universität Dortmund beteiligt. Von 1986 bis 2009 lehrte er als Professor für Tragkonstruktionen an der Hochschule Konstanz.
Seine wissenschaftliche Arbeit konzentriert sich auf die Geschichte des Ingenieurbaus, insbesondere auf Persönlichkeiten wie Ulrich Finsterwalder, Herbert Schambeck und Gerd Lohmer. Seit rund zehn Jahren widmet er sich zudem der fotografischen Dokumentation bedeutender Ingenieurbauwerke.
Das Interview führte Dr. Bastian Peiffer, Pressesprecher der IK-Bau NRW.