Ingenieure ohne Grenzen schafft einen Lernort für Auszubildende

Ingenieure ohne Grenzen schafft einen Lernort für Auszubildende

Während Studierende auf ein dichtes Netz kostenloser Tutorien zurückgreifen können, stehen viele Auszubildende mit Lernproblemen allein da. In Münster haben die „Ingenieure ohne Grenzen“ darauf reagiert: Mit einem ehrenamtlichen Lerntreff schaffen sie einen offenen Ort für Fragen, Austausch und konzentriertes Lernen. Ein Gespräch über strukturelle Lücken, praktische Hilfe und die Kraft kleiner Projekte.

IK-Bau NRW:
Frau Hinrichsen, Frau Büttner, wir haben mit dem Verein Ingenieure ohne Grenzen (IOG) bisher meist über Auslandsprojekte gesprochen, häufig mit Schwerpunkt Afrika. Nun setzen Sie, als Ingenieurinnen in Münster, einen Akzent im Inland. Wie kam es dazu?

Beeke Hinrichsen:
Neben den Auslandsprojekten ist Ingenieure ohne Grenzen bereits seit Langem auch im Inland mit Projekten in den Bereichen MINT, Globales Lernen und Integration aktiv. Auch in Münster war der Gedanke für ein Inlandsprojekt bei IOG schon länger vorhanden. Bisher fehlten jedoch die Kapazitäten, um dies umzusetzen. Ich bin Anfang des Jahres dazugekommen und habe überlegt, wo ich mich einbringen kann. Relativ schnell hatte ich die Idee eines Lerntreffs für Auszubildende. Die Idee ist auf Begeisterung gestoßen und innerhalb kurzer Zeit hat sich eine Gruppe von sechs Leuten gebildet, die den Lerntreff organisiert.

Laura Büttner:
Ich bin seit ungefähr einem Jahr bei IOG. Wir haben hier gemeinsam mit den Regionalgruppen Münster, Paderborn und Bielefeld ein großes Auslandsprojekt. Das braucht viel Planung und die Prozesse laufen über Monate. Beim Inlandsprojekt hat es uns gereizt, dass es greifbarer und näher in der Umsetzung ist. Man hat ein konkretes Ziel und kann hier vor Ort in Münster direkt aktiv werden: Am 12. Januar konnten wir dann den ersten Lerntreff anbieten.

IK-Bau NRW:
Was genau machen Sie?

Beeke Hinrichsen:
Wir richten einen Lerntreff für Auszubildende in und um Münster ein. Partner ist die Organisation ‚Haus der Familie‘ in Münster Sie stellt uns den Raum kostenlos zur Verfügung. Die Idee dazu entstand aus der Beobachtung, dass es im Studium kostenlose Tutorien gibt, in der Ausbildung jedoch praktisch nicht. Unsere Recherchen haben den ersten Eindruck bestätigt: Für Auszubildende gibt es kaum niedrigschwellige Angebote. Die Agentur für Arbeit bietet hochqualifizierte und gezielte Nachhilfe an, diese ist jedoch mit der Hürde Bürokratie verknüpft. Wir wollen diese Lücke füllen: Auszubildende können Fragen mitbringen, sich treffen, lernen und Unterstützung erhalten.

IK-Bau NRW:
Wer hilft vor Ort konkret?

Beeke Hinrichsen:
Die Tutorinnen und Tutoren kommen teils von IOG, teils sind es Menschen, die nicht bei IOG mitwirken, aber ihr Wissen weitergeben wollen. Das Ganze ist ehrenamtlich organisiert.

IK-Bau NRW:
Geht es um bestimmte Berufe oder Fächer?

Beeke Hinrichsen:
Wir sind vielseitig aufgestellt: Von den Tutoren und Tutorinnen, die sich bisher gemeldet haben, werden die klassischen MINT-Fächer abgedeckt Darüber hinaus können wir Kompetenzen in den Bereichen Wirtschaft, Sprachen, sowie Lernmethoden aufweisen. Zudem gibt es bereits Bezug zu Ausbildungsberufen wie Zimmerei, Verfahrenstechnik, Elektrotechnik sowie Heizung und Sanitär. Wir haben breit geworben und schauen, was tatsächlich nachgefragt wird. Dann steuern wir nach und suchen gezielt weitere Tutorinnen und Tutoren.

Laura Büttner:
Uns geht es nicht nur um „Fach-Tutorien“. Es kann auch sein, dass jemand einfach einen ruhigen Ort zum Lernen benötigt, einen festen Anker oder schlicht jemanden, der sich dazusetzt, wenn man bei einer Aufgabe nicht weiterkommt. Auch wenn wir nicht in jedem Fach sofort die konkrete Expertise haben, setzen wir uns dazu, arbeiten uns rein, lesen das Kapitel gemeinsam oder recherchieren. Hauptsache, man kommt weiter. Viele kennen dieses Gefühl: Man sitzt allein vor dem Unlösbaren und hat ein Brett vorm Kopf, da hilft schon der gemeinsame Austausch. Genau das wollen wir vermitteln: Ihr könnt kommen, mit kleinen Fragen und mit großen Problemen. Hier habt ihr einen Platz, an dem ihr euch zwei Stunden konzentrieren könnt.

IK-Bau NRW:
Der offizielle Start war am 12. Januar. Wie ist der erste Eindruck?

Beeke Hinrichsen:
Gut, wir konnten bereits einem Auszubildenden bei der Prüfungsvorbereitung unterstützen. Sonst waren schon viele motivierte Tutor*innen da, denen wir die Räumlichkeiten zeigen konnten. Damit konnten wir ruhig und koordiniert in den Lerntreff starten.

Laura Büttner:
Uns hat es gefreut, dass unser Angebot angenommen wird und hoffen bei den nächsten Treffen noch mehr Auszubildenden weiterhelfen zu können. Und wir geben dem Ganzen bewusst Zeit. Es ist ein neues Angebot, das muss sich erst herumsprechen.

IK-Bau NRW:
Wie finanzieren Sie das Projekt?

Beeke Hinrichsen:
Wir haben keine Kosten: Der Raum wird uns kostenlos zur Verfügung gestellt und alle Tutor*innen beteiligen sich ehrenamtlich. Somit ist ein niedrigschwelliges Angebot möglich. Wer kommen will, kommt.

IK-Bau NRW:
Es ist also keine Anmeldung nötig?

Beeke Hinrichsen:
Genau. Wir organisieren eine WhatsApp-Gruppe. Dort geben wir bekannt, welche Tutorinnen oder Tutoren und welche Fachbereiche damit am jeweiligen Termin vertreten sind. Dann können die Auszubildenden entscheiden: Passt es heute? Komme ich mit meinen Fragen? Oder nutze ich einfach nur den Raum, um in Ruhe zu lernen.

IK-Bau NRW:
Sie beschreiben eine Lücke im System: Für Studierende gibt es Angebote, für Auszubildende oft nicht. Ist das aus Ihrer Sicht ein strukturelles Problem?

Beeke Hinrichsen:
Ja. Gerade Auszubildende haben im Vergleich weniger Unterstützung. Und je nach Bildungshintergrund der Eltern sind die Chancen sehr unterschiedlich. Kinder aus Akademikerhaushalten bekommen häufig mehr Unterstützung. Dieses Ungleichgewicht setzt sich fort. Uns ist wichtig, nicht nur fachlich zu helfen, sondern auch Lernmethoden mitzugeben. Beispielsweise wurde mir vieles davon erst im Studium vermittelt: individuelle Lernmethoden, Arbeitsweisen und Selbstorganisation. Während meiner Ausbildung habe ich dazu nichts erfahren. Wenn man nur Frontalunterricht hat und zu Hause mit einem Fragezeichen sitzt, ist Frust vorprogrammiert.

IK-Bau NRW:
Sie arbeiten mit dem ‚Haus der Familie‘ zusammen. Wie kam die Kooperation zustande?

Beeke Hinrichsen:
Wir sind darauf aufmerksam geworden, weil das Haus der Familie als katholischer Träger Räume für ein Nachhilfeprojekt für Schülerinnen und Schüler bereitstellt. Unsere Anfrage, ob sie auch ein Lerntreff-Projekt für Auszubildende unterstützen würden, ist auf positive Resonanz gestoßen. Der Träger ist überwiegend in der Erwachsenen- und der Familienbildung aktiv. Sie ermöglichen uns, einmal pro Woche zwei Stunden einen ausgestatteten Raum zu nutzen.

Laura Büttner:
Die Einrichtung passt gut zu unserem Lerntreff, weil dort viele unterschiedliche Menschen für verschiedener Angebote hinkommen, z. B. zu Themen wie Gesundheit, Religion, Persönlichkeitsentwicklung und Gesellschaft. So erfahren die Auszubildenden vielleicht von weiteren Angeboten, von denen sie profitieren können. Zudem ist der Standort Münster auch für viele im Umland gut erreichbar und das Haus der Familie zentral in der Innenstadt gelegen

IK-Bau NRW:
Suchen Sie noch Unterstützerinnen und Unterstützer? Und wie stellen Sie sicher, dass diese verlässlich sind?

Beeke Hinrichsen:
Grundsätzlich kann jede und jeder mitmachen. Wir verlangen keine Zeugnisse – man sagt, welche Kompetenzen man mitbringt. Pflicht ist ein erweitertes Führungszeugnis: Ohne das geht es nicht. Und wir planen, immer mit mindestens zwei Tutorinnen oder Tutoren vor Ort zu sein, sodass niemand allein ist.

Laura Büttner:
Wir haben schon einige Tutorinnen und Tutoren, freuen uns aber über weitere. Wir schauen erst, wie der Lerntreff anläuft und wo die Nachfrage am größten ist und suchen dann gezielt.

IK-Bau NRW:
Was wäre für Sie ein Erfolg nach einem Jahr?

Beeke Hinrichsen:
Ein Erfolg ist schon, wenn wir einer Person helfen können. Schön wäre ein stabiler Kern von fünf, sechs Auszubildenden, die regelmäßig kommen.

Laura Büttner:
Die Weiterentwicklung des Lerntreffs ist von dem Feedback der Auszubildenen und Tutor*innen abhängig. Vielleicht braucht es zwei Termine pro Woche. Vielleicht einmal im Monat einen intensiven Crashkurs, etwa zu Mathematik oder einem häufig auftretenden Problem. Oder es bleibt dabei, dass der Raum vor allem als Lernort genutzt wird. Ziel ist in einem Jahr etabliert zu sein, mit einer Kerngruppe und dann das Projekt weiter auszubauen.

IK-Bau NRW:
Was ist Ihnen zum Start noch wichtig, was sollen Auszubildende unbedingt wissen?

Laura Büttner:
Dass wirklich jede und jeder willkommen ist. Niemand muss Angst haben: „Bin ich zu schlecht? Bin ich da richtig?“ Man kann mit kleinen Fragen kommen oder wenn man kurz davorsteht, eine Prüfung nicht zu bestehen. Selbstverständlich sind auch alle mit Sprachbarrieren willkommen. Wichtig ist: einfach dazukommen.


Das Interview führte Dr. Bastian Peiffer, Pressesprecher der IK-Bau NRW.