06.11.2026

VVS 2026: Vertrauen in und Verantwortung für den Berufsstand

VVS 2026: Vertrauen in und Verantwortung für den Berufsstand

Berufliche Selbstverwaltung ist gelebte Demokratie. In der Vertreterversammlung am 6. November 2026 in Ratingen gestalten die gewählten Vertreterinnen und Vertreter der Ingenieurkammer-Bau NRW die Arbeit ihrer Kammer und bestimmen gemeinsam die Richtung ihrer weiteren Entwicklung. Bei der Sitzung standen zwei Grundwerte des Ingenieurberufs im Mittelpunkt: das Vertrauen in fachliche Kompetenz und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Reformen müssen in der Praxis ankommen

Bei der Modernisierung des Bauwesens sei in den vergangenen Monaten einiges in Bewegung gekommen. Mit der jüngsten Novelle der Landesbauordnung habe Nordrhein-Westfalen wichtige Voraussetzungen geschaffen, um Verfahren zu beschleunigen und das Bauen zu vereinfachen. Im Präsidentenbericht würdigte Dr.-Ing. Heinrich Bökamp die bereits erzielten Fortschritte, mahnte zugleich aber eine konsequente Umsetzung politischer Vorhaben an. Entscheidend sei, dass Reformen in der Praxis Wirkung entfalteten. Dies gelte insbesondere für die dringend benötigten Investitionen in die Infrastruktur und die Erleichterungen im Wohnungsbau. Angesichts der angespannten öffentlichen Haushalte und wachsender finanzieller Verpflichtungen seien strukturelle Veränderungen erforderlich. Dabei gehe es nicht allein um zusätzliche Mittel, sondern ebenso um Prioritäten und die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen. Zugleich warnte Bökamp vor einer pauschal negativen Bewertung politischer Arbeit. In Bund und Land sei vieles erreicht worden, das in der öffentlichen Wahrnehmung zu wenig Beachtung finde.

Mit Blick auf die wirtschaftliche Lage vieler Ingenieurbüros verwies Bökamp auf die besonderen Herausforderungen kleiner und mittlerer Büroeinheiten und unterstrich die Bedeutung einer mittelstandsfreundlichen Vergabepraxis.

Gemeinsam das Bauen vereinfachen

Wie sich der Abbau bürokratischer Hürden und die Eigenverantwortung der am Bau Beteiligten miteinander verbinden lassen, erläuterte Ministerialdirigentin Diane Essert vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen. In ihrem Grußwort zog sie eine positive Bilanz der Zusammenarbeit mit der Ingenieurkammer-Bau NRW.

Mit der jüngsten Novelle der Landesbauordnung, die am 1. September in Kraft getreten ist, seien wichtige Voraussetzungen für einfachere und schnellere Genehmigungsverfahren geschaffen worden. Zugleich werde die Eigenverantwortung der Bauherrschaft und der bauvorlageberechtigten Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Architektinnen und Architekten gestärkt. Die praktische Umsetzung erfordere allerdings ein Umdenken bei allen Beteiligten.

Eine wichtige Aufgabe sieht Essert nun darin, die Anwendung des neuen Bauordnungsrechts landesweit stärker zu vereinheitlichen. Dazu sollen auch Verwaltungsvorschriften beitragen. Die Zusammenarbeit mit der Ingenieurkammer-Bau NRW würdigte sie ausdrücklich. Der intensive fachliche Austausch, auch bei unterschiedlichen Positionen in Einzelfragen, habe zu tragfähigen gemeinsamen Ergebnissen geführt.

Eigenverantwortung und fachliche Urteilskraft

Ein zentrales Thema des Präsidentenberichts war das Verhältnis von fachlicher Kompetenz, Vertrauen und Verantwortung. Für Dr.-Ing. Heinrich Bökamp gehören diese drei Begriffe unmittelbar zusammen. Die eigenverantwortliche Berufsausübung beruhe auf einer qualifizierten Ausbildung, praktischer Erfahrung und persönlicher Zuverlässigkeit. Gerade darin liege eine wesentliche Stärke des Ingenieurberufs.

Vor diesem Hintergrund setzte sich Bökamp kritisch mit der zunehmenden Zahl und Komplexität technischer Normen auseinander. Nicht jede zusätzliche Regelung führe zwangsläufig zu besseren Ergebnissen. Vielmehr müsse darauf geachtet werden, dass technische Vorschriften die fachliche Beurteilung unterstützen, statt sie durch immer detailliertere Vorgaben zu ersetzen.

Dabei zog der Kammerpräsident eine klare Grenze: Die Sicherheit von Bauwerken sei nicht verhandelbar. Wo es unterschiedliche technisch vertretbare Lösungen gebe, müsse die fachliche Urteilskraft der Ingenieurinnen und Ingenieure zum Tragen kommen können. Die Fähigkeit, auf Grundlage von Wissen und Erfahrung eigenständig zu entscheiden, bleibe eine unverzichtbare Voraussetzung guter Ingenieurarbeit.

Neue Fragen der fachlichen Verantwortung ergeben sich durch den zunehmenden Einsatz Künstlicher Intelligenz. Die technologischen Möglichkeiten entwickelten sich rasant und eröffneten auch im Planungswesen erhebliche Potenziale. Zugleich stelle sich die Frage, wie fachliche Entscheidungen und persönliche Verantwortung künftig miteinander verbunden bleiben. Diesen Zusammenhang griff auch der Vizepräsident der IK-Bau NRW, Dr.-Ing. Andreas Rose, in seinem Vortrag „Vertrauen braucht Verantwortung“ auf. Er erläuterte, wie die Kammer durch ihre berufsständischen Aufgaben dazu beiträgt, Vertrauen in die Qualifikation und Zuverlässigkeit der Ingenieurinnen und Ingenieure zu stärken. Besondere Herausforderungen sah Rose im zunehmenden Einsatz Künstlicher Intelligenz. Deren Ergebnisse seien nicht immer ohne Weiteres nachvollziehbar. Umso wichtiger seien wirksame Qualitätssicherung und die persönliche Verantwortung derjenigen, die solche Systeme einsetzen.

Die Beratungen in Ratingen zeigten zugleich, wie vielfältig die Aufgaben der beruflichen Selbstverwaltung sind. Ob berufspolitische Interessenvertretung, fachliche Gremienarbeit oder die Weiterentwicklung der Kammer selbst: Das Engagement der gewählten Vertreterinnen und Vertreter sowie zahlreicher ehrenamtlich tätiger Mitglieder bildet die Grundlage eines lebendigen Kammerwesens. Die Vertreterversammlung ist dabei weit mehr als ein Beschlussorgan. Sie ist das Forum, in dem unterschiedliche Positionen beraten, gemeinsame Entscheidungen getroffen und die Weichen für die Zukunft des Berufsstandes gestellt werden.