07.11.2023

INTERVIEW: Das UmBauLabor in Gelsenkirchen

INTERVIEW:  Das UmBauLabor in Gelsenkirchen

Wir haben mit Lillith Kreiß, Projektleiterin bei Baukultur NRW, über das UmBauLabor in Gelsenkirchen gesprochen. Das UmBauLabor befindet sich in einem abrissreifen Gebäude und ist ein experimenteller Ort in Gelsenkirchen, der die Neuprogrammierung und nachhaltige Umgestaltung eines sanierungsbedürftigen Gebäudes erforscht und Innovationen in der Kreislaufwirtschaft vorantreibt. Die IK-Bau NRW begleitet als Partner des Projektes die Fachprüfungen im Gebäude.

IK-Bau NRW

Wie ist Ihr beruflicher Background und Ihre Verbindung zum UmBauLabor.

Lillith Kreiß

Ich bin seit Anfang des Jahres bei Baukultur NRW tätig und leite jetzt das Projekt UmBauLabor. Mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftige ich mich auf die eine oder andere Art und Weise schon sehr lange. Ich habe während meines Architekturstudiums viel über Energieeffizienz gelernt. In meinem Masterstudiengang habe ich mich dann mit „dritten Orten“ und dem sozialen Faktor von Nachhaltigkeit beschäftigt. Es ging dabei um die Fragen: Wie schafft man Gemeinschaftsorte, wem gehört die Stadt? Daneben engagiere ich mich bei Architects 4 Future, die sich 2019 gegründet haben. Ich bin seit anderthalb Jahren dort Sprecherin und halte regelmäßig Vorträge. Über dieses Netzwerk bin ich 2020 zum Projekt ReBau gestoßen, dass sich bis 2022 für eine regionale Ressourcenwende in der Bauwirtschaft einsetzte und von der Zukunftsagentur und der Faktor X Agentur getragen wurde. Wir haben dort geschaut, wie man ressourceneffizient bauen kann und wie man Materialien aus Gebäuden entnehmen und in andere Gebäude wiedereinsetzen kann. Wir haben uns die Frage gestellt, was bedeutet Kreislaufwirtschaft? Dieser Weg hat mich dann auch zum UmBauLabor geführt.

IK-Bau NRW

Was genau ist das Projekt UmBauLabor und wie ist die Idee dazu entstanden?

Lillith Kreiß

Der Ort des UmBauLabors ist ein 1902 erbautes, sanierungsbedürftiges Gebäude in Gelsenkirchen-Ückendorf, das hätte abgerissen werden sollen. Wir wollen prüfen, welche Optionen es für ein Gebäude gibt, das heute unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten abgerissen werden würde. Wir wollen unterschiedliche Ansätze ausprobieren, sammeln und gegenüberstellen und das alles am Beispiel eines realen Objekts. Zugleich wollen wir Ressourcenschutz und Kreislaufwirtschaft mitdenken und eine wandelbare Raumprogrammierung, also eine zukunftsfähige Nutzung des Gebäudes, entwickeln. Das heißt, es geht nicht darum, dass am Ende des Prozesses ein umgebautes Gebäude steht. Vielmehr ist das UmBauLabor ein Experimentierort, an dem wir die Themen nachhaltiges und ressourcenschonendes Umbauen austesten. Der Schlusspunkt ist dabei eine Dokumentation der verschiedenen Betrachtungseben.

IK-Bau NRW

Wer ist denn die Zielgruppe für das Projekt?

Lillith Kreiß

Die Zielgruppe ist weit gefasst. Wir möchten Menschen aus dem gesamten Lebenszyklus des Gebäudes ansprechen. Der Lebenszyklus des Gebäudes umfasst sowohl die Menschen, die es besitzen und die es planen, unter Einschluss aller Fachexpert*innen. Es geht um die Politik, die Rahmenbedingungen setzt, damit überhaupt eine Siedlung oder ein Gebäude entstehen. Wir adressieren aber auch die Nachbarschaft, weil ohne eine Nachbarschaft oder ohne Menschen, die das Gebäude nutzen, ist es irrelevant. Es geht auch darum, dass Handwerker*innen mitgedacht werden und Unternehmen, die entsprechende Produkte schaffen.

IK-Bau NRW

Wie sieht denn der Zeitrahmen für das Projekt aus?

Lillith Kreiß

Aktuell beginnen wir mit der Bearbeitung vor Ort. Das Projekt läuft bis 2026 und innerhalb dieses Rahmens wollen wir bestimmte Ziele erreichen. Wir haben gleich zu Anfang Bearbeitungsschritte formuliert, in dem wir schlicht Verben gesammelt haben, die zeigen, was wollen wir eigentlich machen: Beispielsweise sortiert man, man dokumentiert etc. Das haben wir versucht zu strukturieren und haben dabei festgestellt, dass immer wieder neuen Fragen aufkommen und man den festgelegten Weg regelmäßig reflektieren muss. So ist das UmBauLabor eine prozessuale Arbeit. Sicher ist aber, dass wir zum Ende des Projektes für alle Zielgruppen greifbar die Ergebnisse des Projektes aufarbeiten wollen.

IK-Bau NRW

Auf der Website des Projektes heißt es, Ressourcen und Lebenszyklen von Materialien und Gebäuden werden im Dialog mit den Akteurinnen und Akteuren analysiert und als Neuprogrammierung sichtbar gemacht. Was bedeutet das genau?

Lillith Kreiß

Wir haben ein Gebäude mit zwei Gewerbeeinheiten im Erdgeschoss und sechs Wohnungen auf den Etagen. In diesen Wohnungen lebten unterschiedlich viele Menschen und die Zimmer waren etwa 15 bis 20 m² groß. In diesem Zuschnitt funktioniert nur eine bestimmte Art von Wohnen. Eine Neuprogrammierung bedeutet, dass man zum Beispiel überlegt, welche Wände kann ich rausnehmen, damit gemeinschaftliches Wohnen Raum findet. Neuprogrammierung kann auch die Planung eines Anbaus bedeuten, der das Gebäude umwidmet. Eine Neuprogrammierung kann auch sein, das Erdgeschoss nicht mehr gewerblich, sondern anderweitig zu nutzen. Das gesamte Gebäude kann eine vollständig andere Nutzung erhalten. Welche das sein kann, muss sich im Dialog mit den verschiedenen Akteur*innen ergeben.

IK-Bau NRW

Themen wie Kreislaufwirtschaft und zirkuläres Bauen sind seit Jahren in aller Munde, setzten sich in der Praxis aber nur sehr langsam durch. Wie kann das UmBauLabor dazu beitragen, die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen zu verankern?

Lillith Kreiß

Ich war kürzlich auf der Architektur-Biennale und habe dort verschiedene Themen aufgesaugt. Deswegen sind bei mir die Themen Sanitär, Müll und Logistik sehr präsent. Kreislaufwirtschaft ist ein Thema, das wird ganz sexy verpackt. Eigentlich geht es darum, dass wir Müll umdefinieren. Dass wir eben nicht von Abfall, sondern von Material und Wertstoffen sprechen, dass wir die Wertfrage anders stellen. Dass wir aber auch Infrastruktur hinterfragen: Benötigen wir überall Kabel in den Wänden oder kann Elektrik auch anders funktionieren? Ist ein Abwassersystem erforderlich, dass eine ganze Stadt vernetzt? Gibt es andere Wege, unsere Toiletten zu spülen? Also Themen, die auf den ersten Blick nicht sonderlich ansprechend, auf den zweiten Blick aber insbesondere auch für Ingenieur*innen ein casus knacktus sind. Eine Forderung von Architects 4 Future ist, den Bestand zu erhalten und Abriss zu vermeiden, und da müssen wir natürlich darüber nachdenken, dass es Bauteile gibt, die müssen wir rausnehmen, die müssen wir ersetzen. Manche Bauteile müssen wie ein Pullover, der ein Loch hat, einen „Flicken“ erhalten, bevor sie weiter genutzt werden können. Woher erhalten wir dieses Material? Wie können wir Sekundärbaustoffe nutzen, das heißt Baustoffe, die nicht aus natürlichen Ressourcen, sondern aus einem bereits durch Menschen gebauten Konstrukt genommen werden. Man kann auch Kies zum Beispiel aus altem Beton mahlen. Wie kann man das zur Verfügung stellen? Das würde über Baustoffbörsen und Bauteilbörsen funktionieren, und das ist etwas, das wir auch vorantreiben wollen mit dem UmBauLabor. Dass wir im Kleinen vielleicht erst mal aufzeigen: Wenn wir jetzt dieses Bauteil rausnehmen und an jemand anderen weitergeben, dann kann da etwas Neues draus entstehen; und das im Großen zu denken, ist natürlich spannend.

IK-Bau NRW

In dem Kontext ist für uns immer so ein bisschen die Frage, wenn es um Bauteile geht, die entnommen und wiederverwertet werden sollen, wer nimmt die Rezertifizierung vor. Wer sagt mir, ich kann den Stahlträger wieder einbauen. Die neue DIN SPEC lässt diese Frage offen. Ist das eine Diskussion, die sie auch führen und im Blick haben?

Lillith Kreiß

Das ist eine Diskussion, die wir auch wahrnehmen und die ich gerne auch im Gebäude mit den Betroffenen führen würde. In verschiedenen anderen Formaten habe ich solche Diskussionen auch schon geführt, entweder als Sprecherin oder selbst als Moderatorin und hab dann auch diese Frage gestellt und die Antwort war immer: Das geht derzeit noch nicht, unter den aktuellen Bedingungen kann man in der Form noch nicht zertifizieren. In diesem Thema stecke ich selbst aber nicht tief genug drin und würde hier selbst sehr gerne lernen. Woran hängt es denn? Liegt es an der Ausbildung, liegt es an den Gesetzen? Was genau müssten wir da ändern? All das sind Dinge, die wir auch gerne aufzeigen wollen im UmBauLabor, weil genau diese Diskussionen die Branche entwickeln könnten. Hier kann ein neuer Wirtschaftszweig entstehen und dadurch würde dann auch das Umbauen und Kreislaufwirtschaft auf einmal ein Thema werden, was man gar nicht mehr in eine grüne Öko-Bubble schieben müsste. Sondern es ginge einfach um einen neuen Wirtschaftszweig. Man würde dann auch nicht mehr nur die Kosten sehen, sondern einen Wirtschaftszweig, der sich entwickelt und auch marktfähig ist.

IK-Bau NRW

Welche Akteurinnen und Akteure sind im UmBauLabor mit von der Partie?

Lillith Kreiß

Wir werden im Prozess des UmBauLabors immer mehr Akteur*innen hören. Wenn wir ein Thema entdecken und erkennen, da brauchen wir noch jemanden, dann werden wir auf diese Leute zugehen. Im ersten Schritt haben wir ein Begleitgremium aufgestellt, das unsere erste Beratungsinstanz ist. Vertreten ist dort die Stadt Gelsenkirchen, die Stadterneuerungsgesellschaft Gelsenkirchen, die Hochschule Bochum, vertreten durch Prof. Achim Pfeiffer, die TU Dortmund vertreten durch Prof. Dr. Renée Tribble, das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein- Westfalen vertreten durch Ruth Reuter, der VDI vertreten durch Frank Jansen und die FH Münster vertreten durch Prof. Dr.-Ing. Sabine Flamme. Mit diesem Personenkreis bilden wir ein weites Feld ab. Was noch fehlt, ist die Nachbarschaft. Mit dieser haben wir eine Art zweites Gremium aufgemacht, weil es einfach unterschiedliche Gesprächsebenen sind. Das Begleitgremium ist inhaltlich und fachlich ausgerichtet. Parallel laden wir regelmäßig die Nachbarschaft ein. Dazu gibt es bereits viele aktive Initiativen im Quartier, mit denen wir gemeinsam Formate entwickeln wollen. Wir sind im Gespräch mit Schulen und dazu kommt jetzt die Kooperation mit der Ingenieurkammer- Bau NRW, mit der wir gemeinsam die verschiedenen Fachprüfungen angehen wollen.

IK-Bau NRW

Wie können Ingenieurinnen und Ingenieure von den Erfahrungen und Erkenntnissen des UmBauLabors profitieren?

Lillith Kreiß

Wir wollen eine Dokumentation erstellen, die am Ende für verschiedene Zielgruppen lesbar ist. Darüber hinaus wünsche ich mir tabellarische Vergleiche verschiedener Szenarien. Man könnte beispielsweise ein Szenario „minimaler Ressourceneinsatz im Gebäude“ mit einem Szenario „Passivhausstandard“ vergleichen. Wir wollen auf jeden Fall eine fachliche Grundlage schaffen. Wie wir das en detail machen und welche Partner*innen wir noch mit ins Boot holen müssen, werden wir noch reflektieren. Vielleicht muss man die Frage parallel auch zurückgeben an die Ingenieur*innen. Was brauchen die Ingenieurinnen und Ingenieure, damit sie handlungsfähig werden?

IK-Bau NRW

Wie kann man einen Altbau, wie das Gebäude in der Bergemannstraße wiederherstellen, ohne einer Gentrifizierung Vorschub zu leisten.

Lillith Kreiß

Die Frage ist, glaube ich, größer als das einzelne Gebäude, denn die Gentrifizierung ist die Beschreibung einer Stadt, einer Stadtentwicklung. In Gelsenkirchen beobachten wir eher eine gegenläufige Gentrifizierung, weil viele Menschen wegziehen. Es gibt verschiedene gesellschaftliche Faktoren, warum Gelsenkirchen, speziell Ückendorf, nicht der Ort ist, wo Menschen mit Geld hinziehen. Denn das wäre der maßgebliche Treiber für Gentrifizierungsprozesse. Und Gentrifizierung meint ja einen Aufwertungsprozess, der Verdrängungsprozesse nach sich zieht. Wir müssen uns aber grundsätzlich damit beschäftigen, dass, wenn wir Gebäude aufwerten, wir dadurch bestimmten Menschen einen Wohnraum dort nicht mehr ermöglichen. Aber damit muss man sich beim Umbau immer beschäftigen. Wir haben einfach einen alten Gebäudebestand und diesen alten Gebäudebestand können wir nicht tot leben. Damit würden wir der Kreislaufwirtschaft nicht gerecht werden. Das heißt, wir müssen uns mit diesen sozialen Fragen beschäftigen und erst, wenn wir es schaffen, dass das Material und die Prozesse in dem Umbau nicht so teuer sind, dass danach die Mieten unbezahlbar werden, erst dann können wir Umbau sozialverträglich gestalten. Gentrifizierung hängt nicht nur davon ab, was man mit dem einzelnen Gebäude macht, sondern davon, welche Zuschreibungen bekommt das Viertel durch Projektentwickler*innen und Menschen, die dort investieren wollen.

IK-Bau NRW

Sie haben eben auch über Innovationen und Innovatoren im Bausektor gesprochen. Nach meiner Beobachtung kommen viele Innovatoren gerade in den Start-Ups von außerhalb der Baubranche. Wie blicken Sie auf diese Beobachtung?

Lillith Kreiß

Die Red Monkey Theory ist eine Innovationstheorie, die beschreibt, wie Innovationen entstehen. Wahre Innovation kommt demnach immer von außen. Ich glaube, dieses Bild beschreibt die Veränderungsprozesse in einer Branche wie dem Bausektor ganz gut. Die Branche bindet große finanzielle und gesellschaftliche Werte. Gleichzeitig ist es aber so, dass Innovator*innen nur im Dialog mit der Baubranche und mit Mutigen aus diesem inneren Kreis weiterkommen. Das ist dann vielleicht auch der Aufruf an die Ingenieur*innen, Menschen zuzuhören, die von außen kommen, und deren mutige, vielleicht manchmal auch naive Ideen einmal durchzuspielen.

IK-Bau NRW

Wie hängen in diesem Kontext denn Innovationskraft, nachhaltiges Bauen und der Fortschritt der Digitalisierung zusammen?

Lillith Kreiß

In den verschiedenen Betrachtungsebenen wollen wir im UmBauLabor schauen, was passiert, wenn man alles digitalisiert und zugleich fragen, was kann ohne Digitalisierung funktionieren. Ich habe selbst eine Zeit lang in einem kleineren Architekturbüro gearbeitet. Wir haben dort 2D-Pläne gezeichnet, aber von BIM (Building Information Modeling) waren wir noch sehr weit entfernt, auch weil es sich einfach nicht gerechnet hätte. Viele Bauherrschaften wollen gar nicht diese digitalen Pläne, und wir sind ja auch noch weit davon entfernt, dass man die digitale Akte mit einem BIM-Modell abgeben muss. Hier kommt es sehr auf die Dimension des Projektes an. Dennoch ist es wichtig, dass die einzelnen Büros sich überlegen: Was ist das Level an Digitalisierung, das wir benötigen, um das Thema, das wir uns auf die Fahne geschrieben haben und für das wir Expert*innen sind, auch künftig noch erfolgreich zu bearbeiten? Materialkataloge eines Bauwerks kann man auch mit Stift und Papier erstellen. Man kann beispielweise auch mit Excel Tabel-en führen, in denen man festhält, welche Materialien verbaut wurden. Auch „madaster“, eine Plattform für Bestandserhalt, nachhaltige Planung und Industrial ReUse – und selbst hoch technologisiert, nähert sich diesem Problem so niederschwellig wie möglich und arbeitet teilweise mit Excel. So nervig Excel- Tabellen sein können, so intelligent sind sie auch. Man kann sie nutzen, wie ein Blatt Papier oder die umfangreichen Rechenmöglichkeiten einsetzen. Man sollte die Digitalisierung runterkochen und die Tools nutzen, die für mich als Expert*in wichtig sind.

Das Interview führte Dr. Bastian Peiffer, Pressesprecher der IK-Bau NRW

Lillith Kreiß
Lillith Kreiß

Lillith Kreiß - Studium der Architektur: TU Darmstadt und RWTH Aachen (2010-2017) 
Mitarbeiterin Krumbe Architekten 2016-2020
Selbstständige Methodenentwicklerin seit 2018
Sprecherin Architects for Future seit 2021, aktives Mitglied seit 2020
Projektmanagerin Innovation ReBau – Regionale Ressourcenwende in der Bauwirtschaft, Zukunftsagentur Rheinisches Revier 2020-2022
Projektleitung UmBauLabor, Baukultur Nordrhein-Westfalen, seit 2023