10.07.2026

Kammermitglied Anze Rus kam vor 10 Jahren nur mit einem Rucksack nach Deutschland, um hier als Ingenieur zu arbeiten. Im Interview beschreibt er seine ersten Jahre zwischen Anpassungsdruck und Neuanfang.
IK-Bau NRW: Herr Rus, auf Sie aufmerksam geworden bin ich über einen sehr persönlichen LinkedIn-Post. Darin haben Sie Ihren Umzug nach Deutschland einmal mit dem Verlust eines Angehörigen verglichen. Warum haben Sie dieses Bild gewählt?
Anze Rus: Weil plötzlich alles weg war. In Slowenien hatte ich keine finanziellen Probleme, Familie, Freunde, Anerkennung. Dann kam ich allein nach Deutschland. Keine sozialen Kontakte, keine Perspektive, schlechte Deutschkenntnisse. Ich wusste nicht: Schaffe ich das oder nicht?
IK-Bau NRW: Wie begann dieser Weg nach Deutschland damals für Sie?
Anze Rus: Sehr spontan. Ich hatte meinen Bachelor im Bauingenieurwesen in Slowenien gemacht und ein Jahr in der Türkei studiert. In Slowenien gab es damals kaum Arbeit. Mit 25 habe ich gemerkt: So geht es nicht weiter. Ich habe mir ein Flixbus-Ticket gekauft, einen Rucksack genommen und bin nach Bochum gefahren. In Istanbul hatte ich einen Deutschen kennengelernt. Er hat mir dann für zwei Monate ein Zimmer in seiner Wohnung in Bochum zur Zwischenmiete gegeben.
IK-Bau NRW: Sind Sie vorbereitet nach Deutschland gekommen oder eher spontan?
Anze Rus: Nicht wirklich. Ich konnte ein bisschen Deutsch, weil ich es in der Schule als dritte Fremdsprache gelernt hatte. Aber meine Kenntnisse waren mangelhaft. Ich kannte keine Plattformen, keine Strukturen. Ich habe einfach „Baufirmen Deutschland“ gegoogelt und etwa 80 Bewerbungen verschickt.
IK-Bau NRW: Wie liefen diese ersten Bewerbungen?
Anze Rus: Ich bekam ungefähr 20 Antworten und eine Zusage. Die Stelle war in Wittenberge in Brandenburg.
IK-Bau NRW: Sie hatten schon vor Ihrer Ankunft ein bestimmtes Bild von Deutschland im Kopf. Was hat sich davon bestätigt und was vielleicht auch nicht?
Anze Rus: Es war egal, woher ich komme. Entscheidend war meine Leistung. Auch die flachen Hierarchien haben mich überrascht. In vielen Ländern widerspricht man seinen Vorgesetzten nicht. In Deutschland kann man das, wenn es fachlich begründet ist.
IK-Bau NRW: Gab es auch Dinge, die Sie enttäuscht oder überrascht haben?
Anze Rus: Ja, das war vor allem der Zustand und die Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn.
IK-Bau NRW: In Ihrem LinkedIn-Beitrag schreiben Sie auch sehr offen über die Sprache als größte Hürde der ersten Jahre.
Anze Rus: Absolut. Ein einheimischer Ingenieur kann seine gesamte geistige Kapazität für die Arbeit einsetzen. Ein ausländischer Ingenieur muss gleichzeitig die Sprache lernen, kulturelle Abläufe verstehen und fachlich funktionieren.
IK-Bau NRW: Wie muss man sich diese Situation konkret vorstellen?
Anze Rus: Man hat Angst. Ich hatte 80 Bewerbungen geschrieben und nur eine Zusage bekommen. Also versucht man, nicht anzuecken. Man sagt ständig: „Ja, ich mache das.“ Auch wenn man etwas nicht versteht. Weil man Angst hat, sonst in der Probezeit gekündigt zu werden.
IK-Bau NRW: Sie sprechen heute hervorragend Deutsch. Wie haben Sie das gelernt?
Anze Rus: Learning by doing. Zeit und Geduld sind das Wichtigste. Sprachkurse allein reichen nicht. Man lernt über die tägliche Arbeit: E-Mails lesen, Rechnungen prüfen, Begriffe immer wieder sehen und lernen.
IK-Bau NRW: Heute sind Sie deutscher Staatsbürger und unterstützen inzwischen selbst andere internationale Ingenieurinnen und Ingenieure.
Anze Rus: Ja. Beim VDI begleite ich internationale Ingenieurinnen und Ingenieure im Programm Xpand. Diese Eins-zu-eins-Betreuung ist enorm wichtig.
IK-Bau NRW: Wenn Sie auf Ihre eigene Geschichte schauen: Wo könnte Deutschland strukturell besser werden?
Anze Rus: Früher ansetzen. Ingenieurkammern oder Unternehmen sollten bereits an Universitäten in den Herkunftsländern präsent sein und erklären, welche Ansprechpartner es in Deutschland gibt.
IK-Bau NRW: Trotz aller schwierigen Erfahrungen sprechen Sie sehr positiv über Deutschland.
Anze Rus: Ja. Deutschland ist ein gutes Land für ausländische Fachkräfte. Ich hatte hier fast immer das Gefühl, wertschätzendbehandelt zu werden. Genau das wollte ich: nicht besonders betrachtet werden, sondern einfach ganz normal.
Das Interview führte Dr. Bastian Peiffer, Pressesprecher der IK-Bau NRW.


