12.06.2026

Brandschutz-Tagung 2026: Zwischen Sicherheit und Pragmatismus

Brandschutz-Tagung 2026: Zwischen Sicherheit und Pragmatismus

Sicherheit gewährleisten, ohne notwendige Entwicklungen auszubremsen. Dieser Spagat beschäftigt die Brandschutzbranche seit Jahren. Wie aktuell diese Herausforderung ist, zeigte die Brandschutz-Tagung 2026 der Ingenieurakademie West am 9. Juni im Congress Center Düsseldorf (CCD). Mit mehr als 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmern und Ausstellern bestätigte die Veranstaltung einmal mehr ihre Bedeutung als einer der wichtigsten Branchentreffs für den vorbeugenden Brandschutz in Nordrhein-Westfalen.

„Man muss der Krise nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ Mit diesem Zitat des Schriftstellers Max Frisch eröffnete Dipl.-Ing. (FH) Udo Kirchner, Vorstandsmitglied der Ingenieurkammer-Bau NRW, die diesjährige Brandschutz-Tagung. Der Gedanke passte zum Leitthema der Veranstaltung: Wie lassen sich aktuelle Herausforderungen im Brandschutz pragmatisch und lösungsorientiert bewältigen? Diese Frage im Spannungsfeld zwischen Sicherheit, Bestandserhalt und Innovation zog sich wie ein roter Faden durch das Programm.

Zu Beginn der Tagung sprach Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen (MHKBD), über die Herausforderungen beim Umgang mit bestehenden Gebäuden: „So viel Brandschutz wie möglich? Oder: So viel Brandschutz wie nötig?“. Mit Blick auf die geplante Novellierung der Bauordnung Nordrhein-Westfalen warb sie für einen pragmatischen Umgang mit dem Gebäudebestand. Ziel sei es, notwendige Umbauten und Umnutzungen zu erleichtern, ohne dabei das Sicherheitsniveau im Brandschutz aus den Augen zu verlieren.

Auch Friederike Proff, Vizepräsidentin der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, betonte die Bedeutung eines ganzheitlichen Blicks auf den Brandschutz. „Brandschutz ist längst nicht mehr eine isolierte Fachdisziplin. Er ist integraler Bestandteil des Planens und Bauens“, sagte sie. Die enge Verzahnung von Architektur, Ingenieurwesen und Brandschutz sei eine wesentliche Voraussetzung, um den aktuellen Herausforderungen im Bauwesen zu begegnen.

Von Bauordnung bis Rettungsweg

Das Fachprogramm spannte einen weiten Bogen von aktuellen rechtlichen Entwicklungen bis hin zu innovativen Forschungsansätzen, die zeigen, wie stark der Brandschutz im Wandel ist. Den Auftakt machte Dr. Michael Schleich (MHKBD) mit einem Blick auf die geplanten Änderungen der Bauordnung NRW und weitere aktuelle Themen aus dem bauordnungsrechtlichen Umfeld. Anschließend befasste sich Johanna Bartling vom Deutschen Institut für Bautechnik mit den Anforderungen an Bauteilnachweise für moderne Holzbauweisen. Aus der Perspektive der Prüfingenieure berichtete Markus Kraft über die tägliche Arbeit im Brandschutz. Ein weiteres zentrales Thema waren Rettungswege: Dietmar Grabinger stellte Alternativen zum zweiten Rettungsweg vor und zeigte damit auf, welche Lösungsansätze insbesondere bei bestehenden Gebäuden eine Rolle spielen können.

Am Nachmittag rückten technische Entwicklungen und neue Risiken in den Mittelpunkt. Björn Maiworm von der Branddirektion München sprach über die Sicherheit bei Hochvoltspeichern und stellte einen Leitfaden zum vorbeugenden und abwehrenden Brandschutz vor. Dass Brandursachen nicht immer offensichtlich sind, machte Rainer Kiefer in seinem Vortrag „Ich brenne von allein – Selbstentzündung als Brandursache“ deutlich. Er gab Einblicke in Ursachen, Bedingungen und typische Schadensbilder von Selbstentzündungen und schärfte damit den Blick für Risiken, die im Alltag leicht unterschätzt werden. Mit der Frage, welche technischen Regeln bei Alarmierungsanlagen wann anzuwenden sind, befasste sich Michael Ulman. Sein Vortrag „Alarm um die Alarmierung“ zeigte, wie anspruchsvoll die richtige Einordnung technischer Regelwerke in der Praxis sein kann und welche Bedeutung funktionierende Alarmierungskonzepte für die Sicherheit von Gebäuden haben. Prof. Björn Kampmeier präsentierte anschließend Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt „ALREKO“, das sich mit der Sicherheit von Treppenräumen und deren Bedeutung als Rettungswege beschäftigt.

Lehren aus realen Schadensereignissen

Einen eindrucksvollen Schlusspunkt setzte Florent Lushta mit seiner Analyse des Großbrandes im Schweizer Ferienort Crans-Montana. Anhand des Ereignisses zeigte er auf, wie sich Rauch und Brandgase in einem Gebäude ausbreiten und welche weitreichenden Folgen bereits kleine Planungs- oder Ausführungsfehler haben können. Mithilfe von Evakuierungs- und Rauchausbreitungssimulationen wurde nachvollziehbar dargestellt, wie sich unterschiedliche Rettungswegkonzepte auf die Sicherheit der Gebäudenutzenden auswirken. Die Analyse machte deutlich, dass einzelne Mängel selten isoliert betrachtet werden können, sondern häufig erst ihr Zusammenwirken zu kritischen Situationen führt. Gerade diese ingenieurmethodische Betrachtung realer Schadensereignisse verdeutlichte den hohen Stellenwert eines ganzheitlichen Brandschutzkonzeptes.

Zum Abschluss der Tagung fasste der fachliche Leiter der Tagung, Udo Kirchner, die zentralen Erkenntnisse zusammen. Sein Fazit: Brandschutz muss stets als Gesamtsystem verstanden werden. Entscheidend seien nicht einzelne Maßnahmen, sondern das Zusammenspiel von Rettungswegen, technischen Einrichtungen, baulichen Lösungen und organisatorischen Abläufen. Die enge Zusammenarbeit von Fachplanung und Architektur sei dabei alternativlos. Umso mehr begrüßte Kirchner die Kooperation von Architektenkammer NRW und Ingenieurkammer-Bau NRW, die zeige, wie gute Zusammenarbeit zur erfolgreichen Bewältigung komplexer Herausforderungen beitrage.