22.07.2026

Wie Vermessungsingenieure und Denkmalpfleger den Xantener Dom für die Zukunft dokumentieren

Wie Vermessungsingenieure und Denkmalpfleger den Xantener Dom für die Zukunft dokumentieren

Der Xantener Dom zählt zu den bedeutendsten Baudenkmälern Nordrhein-Westfalens. Seine Erhaltung erfordert eine kontinuierliche Dokumentation der historischen Bausubstanz und ihrer Veränderungen. Im Gespräch erläutern Johannes Schubert, Leiter der Dombauhütte Xanten und der Vermessungsingenieur Michael Reinhardt, wie Laserscanning, digitale Modelle und neue Auswertungsmethoden die Denkmalpflege unterstützen. Dabei geht es auch um die Grenzen digitaler Verfahren und die Herausforderungen, vor denen das Bauwerk künftig steht.

IK-Bau NRW: Herr Schubert, was macht den Xantener Dom zu einem besonderen Bauwerk?

Johannes Schubert: Der Xantener Dom ist ein Baudenkmal von überregionaler Bedeutung. Das betrifft nicht nur die Architektur, sondern auch die Ausstattung und die Kunstschätze im Inneren. Zugleich ist seine Geschichte von tiefen Einschnitten geprägt. Der gotische Dom wurde zwischen 1263 und etwa 1517 errichtet und im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. Der Wiederaufbau zog sich bis in die 1960er Jahre. Deshalb gehen wir heute sehr behutsam mit der erhaltenen Originalsubstanz um. Viele Steine wurden wiederverwendet, anderes blieb an Ort und Stelle erhalten. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Substanz zu konservieren und ihre Veränderungen sorgfältig zu dokumentieren.

IK-Bau NRW: Restaurierung gehört also seit Langem zur Geschichte des Doms?

Johannes Schubert: Ja. Restauriert wurde hier schon im 19. Jahrhundert. Die Denkmalpflege hat sich allerdings stark verändert. Früher versuchte man oft, Bauwerke zu vereinheitlichen. Renaissance- oder Barockelemente wurden entfernt, um einen vermeintlich reinen gotischen Stil zu schaffen. Heute akzeptieren wir historische Brüche. Wir bewahren die überlieferten Schichten eines Bauwerks und respektieren seine Geschichte. Gleichzeitig haben wir aus Fehlern gelernt. Der Einsatz von Zement im 20. Jahrhundert hat vielerorts Probleme verursacht. Zu harte Fugen sperren Feuchtigkeit und schädigen die historische Bausubstanz. Solche Eingriffe müssen wir heute teilweise wieder zurückbauen.

IK-Bau NRW: Herr Reinhardt, wie begann die Zusammenarbeit mit der Dombauhütte?

Michael Reinhardt: 2005 haben wir die ersten terrestrischen Laserscanner eingesetzt. Das waren noch große Geräte mit externer Stromversorgung. Ein einzelner Scan dauerte bis zu einer Stunde. Mein Vater und ich stammen aus Xanten. Deshalb lag es nahe, die neue Technik am Dom zu testen. Wir erfassten die Türme und Teile des Innenraums. Damals ahnte niemand, dass diese Daten fast zwanzig Jahre später noch genutzt werden würden.

IK-Bau NRW: Was hat sich seitdem verändert?

Michael Reinhardt: Vor allem die Geschwindigkeit. Früher dauerte ein Scan bis zu einer Stunde, heute weniger als zwei Minuten. Gleichzeitig erfassen wir wesentlich mehr Punkte und erhalten deutlich präzisere Daten. Die Qualität der Punktwolken ist enorm gestiegen.

IK-Bau NRW: Gab es Erkenntnisse, die Sie bei der Auswertung überrascht haben?

Michael Reinhardt: Ja. Bei der Auswertung stellten wir fest, dass die beiden Türme unterschiedlich hoch sind. Zunächst hielten wir das für einen Fehler in den Daten. Tatsächlich beträgt die Differenz etwa 1,60 m. Der Hintergrund liegt in der Baugeschichte: Einer der Türme wurde nach seiner Zerstörung im Krieg neu errichtet.

Johannes Schubert: Solche Beobachtungen gibt es häufiger. Vermessungen machen verschobene Achsen oder kleine Knicke sichtbar. Manche gehen auf mittelalterliche Bauvorstellungen zurück. Damals galt Perfektion als etwas Göttliches und gerade deshalb nicht als etwas, das Menschen anstreben sollten. Außerdem lassen sich Kriegsschäden nachvollziehen, die mit bloßem Auge kaum noch erkennbar sind.

IK-Bau NRW: Warum sind solche Daten für die Denkmalpflege so wichtig?

Johannes Schubert: Weil ein Bauwerk wie der Dom ständigem Wandel unterliegt. Verwitterung, Feuchtigkeit, Salze oder klimatische Einflüsse verändern die Oberflächen fortlaufend. Diese Prozesse müssen über lange Zeiträume beobachtet werden. Gute Dokumentation war deshalb immer entscheidend. Vom Dom existieren Fotografien aus dem Jahr 1886. Niemand konnte damals ahnen, dass diese Aufnahmen Jahrzehnte später beim Wiederaufbau nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs eine wichtige Grundlage bilden würden. Heute verfügen wir zusätzlich über dreidimensionale Datensätze, die künftigen Generationen noch präzisere Informationen hinterlassen.

Michael Reinhardt: Ein wesentlicher Vorteil liegt darin, dass Laserscanning keine abstrahierte Zeichnung erzeugt, sondern die tatsächliche Geometrie erfasst. Verformungen, Wölbungen und komplexe Konstruktionen werden exakt dokumentiert. Besonders deutlich wird das beim historischen Dachstuhl der Sakristei. Eine solche Konstruktion händisch vollständig aufzunehmen, wäre kaum möglich.

Johannes Schubert: Für die Denkmalpflege war das ein Quantensprung. Wir verfügen heute über eine oberflächenreale Darstellung des Bauwerks. Schäden können direkt kartiert und Veränderungen präzise dokumentiert werden. Gerade bei einem Bauwerk mit Höhen von bis zu 75 Metern ist das ein enormer Vorteil.

IK-Bau NRW: Verändert eine bessere Datengrundlage auch Entscheidungen?

Johannes Schubert: Ja. Schäden werden dokumentiert und anschließend in Fachgremien bewertet. Je besser die Planunterlagen sind, desto fundierter lassen sich Prioritäten setzen. Heute gehört die Dokumentation jeder Maßnahme selbstverständlich dazu. Vor Beginn wird der Zustand erfasst, während der Arbeiten dokumentieren wir die Veränderungen, und am Ende wird das Ergebnis festgehalten. Diese Transparenz ist wichtig, weil wir mit Kulturgut arbeiten, das letztlich der Allgemeinheit gehört.

IK-Bau NRW: Führt die wachsende Datenmenge nicht auch zu neuen Problemen?

Johannes Schubert: Natürlich. Die Datenerfassung wird immer einfacher, die Auswertung aber oft aufwendiger. Teilweise dauert die Verarbeitung länger als die eigentliche Aufnahme. Gleichzeitig dürfen wir uns nicht in technischen Möglichkeiten verlieren. Dokumentation ist kein Selbstzweck. Sie muss die praktische Arbeit unterstützen.

IK-Bau NRW: Gibt es umgekehrt Dinge, die digitale Technik nicht leisten kann?

Johannes Schubert: Unbedingt. Man darf sich niemals ausschließlich auf Technik verlassen. Ein Bauwerk muss man sehen, erleben und verstehen. Digitale Verfahren sind hervorragende Werkzeuge, ersetzen aber nicht die Arbeit vor Ort und die Erfahrung der Fachleute. Wer nur auf den Bildschirm schaut, übersieht vieles, was sich erst im direkten Kontakt mit dem Bauwerk erschließt.

IK-Bau NRW: Ein aktuelles Thema ist der Salzbergbau. Welche Bedeutung hat er für den Dom?

Michael Reinhardt: Die geplanten Erweiterungen des Salzabbaus rücken näher an Xanten heran. Damit stellt sich die Frage, welche Auswirkungen Senkungen und Spannungen im Untergrund auf historische Bauwerke haben können.

Johannes Schubert: Das Thema beschäftigt uns seit Jahren. Solche Prozesse wirken über sehr lange Zeiträume. In anderen Regionen haben Bergsenkungen mehrere Meter erreicht. Deshalb beobachten wir die Situation genau. Bereits heute gibt es Messstellen am Dom. Weitere sollen folgen. Außerdem planen wir zusätzliche Erschütterungsmessungen.

IK-Bau NRW: Lässt sich vorbeugend etwas tun?

Johannes Schubert: Nur begrenzt. Solange unklar ist, welche Belastungen tatsächlich auftreten werden, sind präventive Eingriffe schwierig. Deshalb spielt die Beweissicherung eine zentrale Rolle. Unser Ziel ist es, den heutigen Zustand möglichst genau zu dokumentieren, damit Veränderungen später nachvollziehbar bleiben.

IK-Bau NRW: Wie könnte die Arbeit in zwanzig Jahren aussehen?

Michael Reinhardt: Die Datenerfassung wird weiter automatisiert. Das größte Potenzial liegt künftig in der Auswertung. Künstliche Intelligenz wird helfen, große Datenmengen zu strukturieren und relevante Veränderungen schneller sichtbar zu machen.

Johannes Schubert: Ich sehe große Chancen in der Sensorik. Systeme erkennen bereits heute Feuchtigkeit, Schimmel oder Veränderungen an Oberflächen. Künftig könnten autonome Drohnen und intelligente Auswertungen dazu beitragen, kritische Bereiche frühzeitig zu erkennen. Mein Traum wäre es, einen digitalen Rundgang durch den Dom zu starten und anschließend automatisch einen Bericht über auffällige Veränderungen zu erhalten.

IK-Bau NRW: Zum Schluss: Welche Rolle spielt die aktuelle Gesteinsforschung am Dom?

Johannes Schubert: Mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen erfassen wir die Natursteine des Doms systematisch. Ziel ist es, jeden einzelnen Stein zu bestimmen und seine Herkunft nachzuvollziehen. Viele Materialien stammen aus unterschiedlichen Regionen entlang des Rheins. Diese Kenntnisse helfen uns, die Geschichte des Bauwerks besser zu verstehen und geeignete Materialien für künftige Restaurierungen auszuwählen. Dafür vergleichen wir die Steine mit einer Referenzsammlung. Häufig lässt sich ihre Herkunft bereits anhand charakteristischer Strukturen erkennen. In Zweifelsfällen werden kleine Proben mikroskopisch untersucht. Diese Forschung ist weit mehr als reine Dokumentation. Sie liefert Grundlagen für den langfristigen Erhalt des Doms. Gleichzeitig erzählt sie die Geschichte der Handelswege, Steinbrüche und Baumaterialien, die über Jahrhunderte zu diesem Bauwerk geführt haben. Wer die Steine versteht, versteht ein Stück der Geschichte des Doms.

Das Interview führte Dr. Bastian Peiffer, Pressesprecher der IK-Bau NRW.