04.09.2026

„KI soll uns nicht ersetzen, sondern von unliebsamen Aufgaben entlasten“

„KI soll uns nicht ersetzen, sondern von unliebsamen Aufgaben entlasten“

Vom START.ING.-Mitglied zum KI-Verantwortlichen eines großen Ingenieurbüros: Kevin Krick beschäftigt sich täglich mit der Frage, wie Künstliche Intelligenz die Arbeit von Ingenieurinnen und Ingenieuren verändern wird. Im Gespräch erklärt er, warum die Einführung von KI nicht nur ein Technik- sondern vor allem auch ein Kommunikationsthema ist, weshalb Skepsis wichtig bleibt und warum die Verantwortung auch künftig beim Menschen liegen muss.

IK-Bau NRW: Kevin, deine Stelle als KI-Verantwortlicher gab es vor Kurzem noch gar nicht. Was sagt das über den Wandel in der Branche aus?

Kevin Krick: Eigentlich ziemlich viel. Ich hatte den Eindruck, dass die Baubranche eher konservativ ist, wenn es um neue Technologien geht. Oft war die Haltung: Erst einmal abwarten. Deshalb hat es mich selbst überrascht, wie schnell sich das Thema entwickelt hat. Nach meiner Masterarbeit hatte ich gehofft, mich weiter mit KI beschäftigen zu können, weil mir die Arbeit damit einfach Spaß gemacht hat. Als dann tatsächlich die Möglichkeit entstand, diese Rolle zu übernehmen, war ich sehr begeistert. Vor allem, weil man daran sieht, dass die Geschäftsführung das Thema nicht als kurzfristigen Trend betrachtet, sondern als echte Chance. Was mich besonders beeindruckt: Ich erlebe aktuell deutlich mehr Offenheit als man sie von früheren Technologiesprüngen kennt.

IK-Bau NRW: Das überrascht. Viele berichten von großer Skepsis gegenüber KI.

Kevin Krick: Natürlich gibt es unterschiedliche Haltungen. Aber ich habe bislang kaum jemanden erlebt, der kategorisch gesagt hätte: „Damit will ich nichts zu tun haben.“ Das bedeutet nicht, dass alle begeistert sind oder schon intensiv damit arbeiten. Aber die grundsätzliche Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen, ist da. Viel häufiger erlebe ich etwas anderes: Die Leute haben Interesse, aber ihnen fehlt schlicht die Zeit. Viele Kolleginnen und Kollegen würden sich gerne intensiver mit dem Thema beschäftigen, stecken aber mitten in Projekten. Das ist aus meiner Sicht oft die größere Hürde als Skepsis.

IK-Bau NRW: Wie führt man KI in einem Ingenieurbüro überhaupt ein?

Kevin Krick: Es braucht aus meiner Sicht zwei Ebenen. Bei uns bei KREBS+KIEFER bzw. Dorsch Europe gibt es eine übergeordnete Ebene für Digitalisierungsthemen, die die Rahmenbedingungen stellt. Hier werden in Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung Vorgaben bzgl. nutzbaren KI-Tools, Verantwortlichkeiten, Leitlinien und Schulungsangebote erarbeitet. Ohne diesen Rahmen würde vieles gar nicht funktionieren. Die zweite Ebene ist die Praxis. Dort beginnt die Übertragung der organisatorischen Möglichkeiten in konkrete Umsetzung. Denn am Ende muss jemand die Prozesse kennen oder von erfahrenen Mitarbeitenden erläutert bekommen und verstehen, wo KI tatsächlich helfen kann. Bei uns gibt es hierfür in erster Linie definierte KI-Verantwortliche wie mich. Dabei hat sich gezeigt: Der beste organisatorische Rahmen bringt wenig, wenn niemand ihn mit Leben füllt. Umgekehrt kann auch ein engagierter Einzelner wenig ausrichten, wenn die organisatorischen Voraussetzungen fehlen.

IK-Bau NRW: Wie nimmt man die Mitarbeitenden dabei mit?

Kevin Krick: Zunächst einmal muss man akzeptieren, dass Menschen unterschiedlich schnell unterwegs sind. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die sich sofort auf neue Werkzeuge stürzen. Die kommen oft von selbst auf Ideen. Die größere Herausforderung ist die breite Masse. Dort hilft es nicht, ständig neue Funktionen vorzustellen. Viel wichtiger ist es, zuzuhören. Das war für mich selbst eine wichtige Erkenntnis. Anfangs bin ich häufiger mit fertigen Ideen zu den Leuten gegangen. Ich wollte helfen und hatte oft schon eine Lösung im Kopf. Heute frage ich zuerst: Welche Arbeitsschritte kosten dich Zeit? Was nervt dich im Alltag? Wo verlierst du Energie? Oft entstehen daraus die deutlich besseren Anwendungen. Manchmal habe ich selbst erlebt, dass Ideen, die ich gut fand, gar nicht angenommen wurden, weil sie am eigentlichen Problem vorbeigingen.

IK-Bau NRW: Kannst du ein Beispiel nennen?

Kevin Krick: Wenn jemand merkt, dass ein wirklich lästiger Arbeitsschritt plötzlich deutlich schneller erledigt werden kann, entsteht Akzeptanz fast von allein. Ein Kollege musste regelmäßig Daten aus PDFs in Excel-Tabellen übertragen. Dafür gingen teilweise mehrere Stunden pro Woche drauf. Gemeinsam haben wir dafür eine Lösung entwickelt, die diesen Schritt automatisiert. Seitdem spart er in manchen Projekten bis zu acht Stunden pro Woche. Solche Beispiele wirken viel stärker als jede Präsentation.

IK-Bau NRW: Entsteht dadurch nicht auch die Sorge, dass bestimmte Tätigkeiten irgendwann wegfallen?

Kevin Krick: Die Frage wird häufig gestellt. Interessanterweise war es in diesem Fall sogar der Kollege selbst, der sagte, dass es ihm unangenehm sei, wenn er sie an Werkstudierende delegieren müsse. Denn niemand lernt besonders viel daraus, Daten stundenlang von einer Tabelle in die nächste zu übertragen. Wenn solche Tätigkeiten wegfallen, entsteht die Chance, dass Werkstudierende oder Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger früher an anspruchsvolleren Aufgaben mitarbeiten können. Das halte ich für deutlich sinnvoller.

IK-Bau NRW: Wie verändert KI die Zusammenarbeit im Unternehmen?

Kevin Krick: Noch nicht so stark, wie viele vielleicht erwarten würden. Derzeit wird KI vor allem bei Aufgaben eingesetzt, die bisher einzelne Personen allein erledigt haben. Die große Veränderung findet eher indirekt statt. Wir haben beispielsweise viele Austauschrunden zum Thema KI. Dabei sprechen wir oft ad hoc über ganz andere Themen: Software, Prozesse oder Arbeitsabläufe. Manchmal wird erst durch diese Gespräche sichtbar, wer überhaupt welches Wissen besitzt oder wer bestimmte Werkzeuge nutzt. Insofern fördert KI schon heute den Wissensaustausch, auch über das eigentliche Thema hinaus.

IK-Bau NRW: Welche Anwendungen spielen aktuell die größte Rolle?

Kevin Krick: Formulierungen und Recherche sind natürlich klassische Anwendungsfelder. Ein besonders großes Thema ist die Arbeit mit Dokumenten. In einem Ingenieurbüro gibt es enorme Mengen an Richtlinien, Handbüchern, Projektdokumentationen und Fachinformationen. Früher musste man häufig lange suchen, wenn man eine bestimmte Information brauchte. Heute kann man in unserer Plattform Langdock Dokumente in sogenannte Wissenssammlungen einfügen und gezielte Fragen stellen. Die Antworten werden mit Link zur passenden Stelle ausgegeben. Das spart nicht nur Zeit, sondern verändert auch den Umgang mit Wissen.

IK-Bau NRW: Wie weit reicht KI bereits in die eigentliche Planung hinein?

Kevin Krick: Zunächst sehe ich größere Potentiale in den Bereichen Verarbeitung von Informationen und Berichtswesen. In der Planung selbst geht es derzeit eher um Unterstützung: bei Softwareanwendungen, Schnittstellen oder der Aufbereitung von Daten. Ein Beispiel stammt aus meiner Masterarbeit. Ich habe untersucht, wie KI aus einer Skizze automatisch Geometriedaten extrahieren und in eine softwarekonforme Excel-Struktur übertragen kann. Dadurch musste ein Berechnungsmodell nicht komplett neu aufgebaut werden. Solche Anwendungen finde ich aktuell deutlich spannender als die Vorstellung einer KI, die irgendwann eigenständig Statiken erstellt.

IK-Bau NRW: Warum?

Kevin Krick: Weil Verantwortung nicht verschwindet. Wenn am Ende nur noch eine Blackbox ein Ergebnis liefert und niemand mehr nachvollziehen kann, wie dieses Ergebnis zustande gekommen ist, wird es schwierig. Ich würde als Ingenieur keine statische Berechnung unterschreiben, deren Entstehung ich nicht nachvollziehen kann. Deshalb sehe ich KI vor allem dort, wo sie repetitive oder unliebsame Aufgaben übernimmt. Die fachliche Bewertung muss weiterhin beim Menschen liegen.

IK-Bau NRW: Welchen Stellenwert hat dabei eine professionelle Skepsis?

Kevin Krick: Wenn jemand sagt: „KI kann alles“, werde ich eher vorsichtig. Wenn jemand sagt: „Ich vertraue dem noch nicht ganz“, finde ich das zunächst positiv. Wir hatten beispielsweise Fälle, in denen Konstruktionszeichnungen hochgeladen und von einer KI ausgewertet wurden. Die Ergebnisse wirkten plausibel, waren aber in Teilen falsch. Genau deshalb muss man Ergebnisse prüfen und die Grenzen von KI kennen. Wer blind vertraut, macht früher oder später Fehler.

IK-Bau NRW: Welche Rolle spielt KI beim Wissensmanagement?

Kevin Krick: In vielen Unternehmen steckt unglaublich viel Wissen in Projekten und in den Köpfen erfahrener Mitarbeitender. Mich treibt die Vorstellung an, dass man irgendwann systematisch aus vergangenen Projekten lernen kann, dass Erfahrungen nicht verloren gehen, sondern für neue Projekte verfügbar bleiben. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels halte ich das für enorm wichtig. Viele erfahrene Kolleginnen und Kollegen werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Damit droht wertvolles Erfahrungswissen verloren zu gehen. KI kann helfen, dieses Wissen besser zugänglich zu machen. Aber sie kann es nicht ersetzen. Zunächst muss das Wissen überhaupt dokumentiert werden. Wobei auch KI unterstützen kann.

IK-Bau NRW: Welche Bedeutung hat Datenschutz bei der Einführung von KI?

Kevin Krick: Das Thema Datenschutz wird häufig unterschätzt. Viele Anwendungen, die privat genutzt werden, sind im Unternehmenskontext gar nicht zulässig. Deshalb ist für uns Datenschutz die wichtigste Anforderung bei der Auswahl von Werkzeugen. Daten müssen DSGVO-konform verarbeitet werden. Darüber hinaus braucht es klare Regeln und Schulungen. Nur wenn die Mitarbeitenden wissen, was sie dürfen und was nicht, kann der Einsatz von KI verantwortungsvoll funktionieren.

IK-Bau NRW: Spürt ihr bereits messbare Produktivitätsgewinne?

Kevin Krick: Es gibt viele Beispiele für Zeitersparnisse. Schwieriger ist die Frage nach einer konkreten Kennzahl. Ich merke vor allem, dass viele kleine Verbesserungen entstehen. Manche Aufgaben dauern eine halbe statt mehrerer Stunden. Andere laufen einfach angenehmer ab. Mindestens genauso wichtig finde ich aber die Qualitätsseite. Wenn Routineaufgaben wegfallen, bleibt mehr Zeit für fachliche Überlegungen, Variantenvergleiche oder bessere Lösungen.

IK-Bau NRW: Welche Auswirkungen hat KI auf die Ausbildung zukünftiger Ingenieurinnen und Ingenieure?

Kevin Krick: Aus meiner Sicht werden die Grundlagen wichtiger, nicht weniger wichtig. Wer später Ergebnisse prüfen soll, muss verstehen, wie sie zustande kommen. Wenn dieser Schritt verloren geht, entsteht ein Problem. Man braucht ein Gefühl dafür, ob ein Ergebnis plausibel ist. Das gilt in der Statik genauso wie bei Bauabläufen oder Projektentscheidungen. Deshalb wird kritisches Denken künftig noch wichtiger werden.

IK-Bau NRW: Was heißt das konkret?

Kevin Krick: Es wird wichtiger abschätzen zu können, ob ein Ergebnis sinnhaft ist oder nicht. Dazu braucht es grundlegendes Verständnis von Planungsprozessen und -Schritten. Deshalb sollte KI aus meiner Sicht nicht das Verständnis ersetzen, sondern darauf aufbauen. Erst verstehen, dann KI einsetzen.

IK-Bau NRW: Der Amazon-Gründer Jeff Bezos hat mit seinem KI-Unternehmen Prometheus jüngst die Vision eines sogenannten „Artificial General Engineer“ vorgestellt. Gemeint ist eine KI, die künftig komplexe technische Systeme und Bauwerke entwickeln soll, von Brücken und Hochhäusern bis hin zu Jet-Triebwerken oder Raumfahrttechnik. Du hast im Interview mehrfach betont, dass Ingenieurinnen und Ingenieure Ergebnisse nachvollziehen und verantworten müssen. Wenn du solche Aussagen hörst: Ist das für dich eine realistische Zukunftsvision oder verläuft hier eine Grenze, an der ingenieurfachliche Verantwortung nicht mehr delegierbar ist?

Kevin Krick: Die technische Dimension kann ich nicht vollständig einschätzen. Was ich aber sagen kann: Solange ingenieurfachliche Leistungen von Menschen verantwortet werden müssen, stößt eine KI-generierte Blackbox an eine grundlegende Grenze. Wer zum Beispiel eine statische Berechnung unterschreibt, muss das Ergebnis nachvollziehen können. Das ist für mich keine Frage des Vertrauens in die Technologie, sondern eine Frage der Verantwortbarkeit. Solange sich daran nichts ändert, sehe ich dort eher eine unterstützende als eine ersetzende Rolle der KI.

IK-Bau NRW: Wie sieht deine persönliche Vision für die nächsten Jahre aus?

Kevin Krick: Ich hoffe, dass KI uns von unliebsamer Arbeit entlastet. Wenn jemand eine Aufgabe als lästig empfindet und wir diese Aufgabe automatisieren können, ist das ein Gewinn. Die freiwerdende Zeit kann dann für Dinge genutzt werden, die wirklich Mehrwert schaffen. Mir geht es nicht darum, dass Menschen durch KI ersetzt werden sollen. Ich wünsche mir stattdessen, dass wir die Potenziale nutzen, um bessere Arbeit zu leisten, mehr Wissen zugänglich zu machen und auch mehr Freiräume zu schaffen. Das ist für mich die eigentliche Chance von KI.


Das Interview führte Dr. Bastian Peiffer, Pressesprecher der IK-Bau NRW.