15.07.2026

Flutkatastrophe im Ahrtal: „Die richtigen Lehren müssen jetzt gezogen werden“

Flutkatastrophe im Ahrtal: „Die richtigen Lehren müssen jetzt gezogen werden“

Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe im Ahrtal fordert der Bauingenieur Thomas Becker in einem Interview mit dem Deutschen Ingenieurblatt mehr Vertrauen in technische Expertise, bessere Datenstrukturen und handlungsfähige Verwaltungen.

Fünf Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal zieht der Bauingenieur Thomas Becker im aktuellen Deutschen Ingenieurblatt Bilanz. Seine Erfahrungen aus dem Wiederaufbau zeigen, dass die Bewältigung von Krisen nicht allein von finanziellen Mitteln abhängt. Entscheidend seien gut vorbereitete Strukturen, verlässliche Informationen und das Vertrauen in die Kompetenz von Ingenieurinnen und Ingenieuren.

„In einer Katastrophe muss jemand Verantwortung übernehmen und handeln können“, betont Becker. Rückblickend seien insbesondere gegenseitiges Vertrauen zwischen Behörden, Hilfsorganisationen und Bauunternehmen sowie schnelle ingenieurtechnische Entscheidungen ausschlaggebend gewesen, um zerstörte Verkehrswege kurzfristig wieder nutzbar zu machen. So konnten im Ahrtal innerhalb kürzester Zeit 18 Behelfsbrücken errichtet werden.

Vorbereitung statt Improvisation

Aus den Erfahrungen leitet Becker einen klaren Handlungsauftrag ab: Deutschland müsse seine kritischen Infrastrukturen besser auf Extremereignisse vorbereiten. Dazu gehörten vollständige und aktuelle Bauwerksdaten, digitale Informationsstrukturen sowie eine systematische Bauwerkserfassung.

Nach seiner Einschätzung werden digitale Bestandsinformationen vielerorts noch immer unterschätzt. Im Ernstfall müsse sofort nachvollziehbar sein, wo Leitungen verlaufen, wie Bauwerke gegründet wurden oder welche Schäden bereits vorlagen. Ohne diese Informationen gingen wertvolle Stunden verloren.

Zugleich plädiert Becker für den Aufbau professioneller Informationsmanagementstrukturen in Kommunen und eine konsequente Anwendung moderner BIM-Methoden. Digitale Modelle könnten ihren Nutzen jedoch nur entfalten, wenn belastbare Bestandsdaten vorhanden seien.

Ingenieurwissen stärker in Entscheidungen einbinden

Kritisch sieht Becker außerdem die geringe Einbindung technischen Sachverstands in politischen und administrativen Entscheidungsprozessen. Häufig dominierten formale Verfahren, während praktische Erfahrungen aus Planung und Bau zu wenig berücksichtigt würden.

Aus seiner Sicht braucht es mehr Bauingenieurinnen und Bauingenieure in Führungspositionen der öffentlichen Verwaltung sowie klar definierte Verantwortlichkeiten im Krisenfall. Politik müsse Ziele und Budgets festlegen, die technische Umsetzung jedoch stärker den Fachleuten überlassen, die für ihre Entscheidungen auch Verantwortung tragen.

Katastrophenschutz neu denken

Mit Blick auf die zunehmenden Folgen des Klimawandels fordert Becker, den Zivil- und Katastrophenschutz strukturell weiterzuentwickeln. Einsatzingenieurwesen müsse künftig systematisch aufgebaut, personell ausgestattet und organisatorisch verankert werden. Ebenso seien vorbereitete Abläufe, vertragliche Strukturen und rechtliche Sicherheit erforderlich, damit Ingenieurinnen und Ingenieure im Ernstfall unmittelbar handeln können.

Für Becker ist klar: Die Lehren aus dem Ahrtal dürfen sich nicht auf den Wiederaufbau beschränken. Sie müssen zu dauerhaft resilienteren Infrastrukturen und einer stärkeren Rolle des Ingenieurwesens in Krisenvorsorge und Gefahrenabwehr führen.

„Wenn wir in zehn Jahren sagen können, dass Politik den fachlichen Empfehlungen von Ingenieurinnen und Ingenieuren vertraut und Verwaltungen im Ernstfall schnell handlungsfähig sind, dann haben wir die richtigen Lehren aus dem Ahrtal gezogen“, so Becker.

>> Zu den Handlungsempfehlungen der Bundesingenieurkammer aus den Erfahrungen der Flutkatastrophe 

>> Zum Interview im Deutschen Ingenieurblatt