13.07.2026

„Der Zug geht immer zum Durchschnitt"

„Der Zug geht immer zum Durchschnitt"

Florian Scheible ist Architekt und Tragwerksplaner. Nach einem Vortrag auf der Digitalbau, bei dem er die Euphorie der Branche gegenüber Künstlicher Intelligenz differenziert hinterfragte, sprach die Ingenieurkammer-Bau NRW mit ihm über Sicherheitsversprechen, Ausbildungsdefizite und die Gefahr vermeintlicher Perfektion.

IK-Bau NRW: Auf der digitalBAU war immer wieder zu hören: „Human in the Loop" – der Mensch bleibt in der Verantwortung. Klingt beruhigend. Ist es das auch?

Florian Scheible: Das hat viele Dimensionen. Zunächst die grundsätzliche: Welche Rolle wollen wir als Menschen in Zukunft spielen? Was sind wir bereit, an KI abzugeben und was nicht? Dahinter stehen ethische Vorstellungen, die mit wirtschaftlichen Erwägungen kollidieren. Muss man alles machen dürfen, nur weil es kommerziell vorteilhaft ist? Und wenn man das weiterdenkt, landet man schnell bei gesellschaftspolitischen Debatten: Wer zahlt Steuern, wenn Maschinen die Arbeit erledigen? Die Politik ist gefragt, ein Modell zu entwickeln, das Menschen in Verantwortung hält und an Gewinnen beteiligt, die durch automatisierte KI-Prozesse erwirtschaftet werden.

Aber zoomen wir rein in unser Tätigkeitsfeld. Als Tragwerksplaner geben wir gegenüber unseren Auftraggebern ein Sicherheitsversprechen ab: Alle Ergebnisse, die in die Umsetzung gehen, sind von Menschen geprüft. Und auch wenn ich künftig auf ein Dokument schreibe, es wurde mit KI erstellt, muss ein Kunde weiterhin sagen dürfen: Da haben Menschen draufgeguckt.

Die eigentliche Frage lautet: Was bedeutet „Human in the Loop" konkret? Als Pflicht, nur das Endergebnis zu prüfen? Das wäre zu wenig. Als Mensch muss ich im Prozess beteiligt sein, nicht nur am Ende, sondern auch an den Zwischenständen.

IK-Bau NRW: Aber genau das wird schwieriger, je mehr KI die Arbeit übernimmt. Stellen wir uns vor: Eine KI berechnet die Tragwerksplanung, der Ingenieur schaut drauf und unterschreibt. Wie lange bleiben seine Fähigkeiten dabei erhalten?

Florian Scheible: Das ist der Kern des Problems. Wir kennen die Gefahr vermeintlicher Perfektion schon aus der Architektur: Fotorealistische Renderings in frühen Projektstadien sehen aus, als könnte man sie sofort bauen. Kann man nicht. Wir lassen uns aber davon täuschen. Bei KI-generierten Inhalten ist das nicht anders. Man hat schnell professionell aussehende Ergebnisse, und wenn man tiefer einsteigt, merkt man: Das funktioniert so noch nicht. Aber die Qualität steigt rasant. Wenn man denselben Prompt über Jahre hinweg eingibt, sieht man, wie viel besser die Resultate werden. Zu befürchten ist, dass dies zu Automatisierungszufriedenheit führt.

Ein zweites Problem ist das Erfahrungswissen. Stellen Sie sich Londoner Anwaltskanzleien vor, wo früher Hunderte Junganwälte in ihren Cubicles saßen und Urteile analysierten. Genau dieses Textarbeiten kann KI besonders gut. Also setzt man keine Berufsanfänger mehr für diese Aufgaben ein. Aber warum war das wichtig? Weil diese jungen Leute durch die schiere Menge an Fällen kontextuelles Denken entwickelt haben. Diesen Erfahrungsaufbau kann KI nicht ersetzen. Diesen Kompetenzverlust nennt man im englischen Deskilling.

IK-Bau NRW: Was folgt daraus für die Ausbildung?

Florian Scheible: Wir diskutieren in der Ingenieurausbildung seit Jahren, ob kontextuelles Denken stark genug gefördert wird. Die Antwort ist: zu wenig. Absolventen bedienen ein FEM-Tool, aber – überspitzt ausgedrückt – sie verstehen nicht wirklich, was sie da tun. Mit KI wird sich das verschärfen. Deshalb müssen wir die Ausbildung unseres Nachwuchses hinterfragen. Eine Antwort kann lauten: Mehr vernetztes und interdisziplinäres Denken, mehr Haltung.

Gleichzeitig haben wir in den Büros das Problem, dass Berufsanfänger weniger Jobs finden. Das liegt nicht nur an der Krise im Bau. Die Büros überlegen, ob sie junge Leute einstellen oder Aufgaben lieber an KI delegieren. Das ist bei uns nicht anders. Und genau das ist das Paradox: Die Babyboomer gehen in Rente, der Fachkräftemangel wächst, und ausgerechnet die Erfahrenen, die KI-Ergebnisse bewerten könnten, verschwinden als erste. Wir müssen dafür sorgen, dass junge Leute trotzdem Berufserfahrung sammeln können und der Wissenstransfer gelingt. Daher ist es wichtig, dass KI ein Assistenzsystem bleibt und nicht vollständiger Ersatz für menschliche Arbeitskräfte wird.

IK-Bau NRW: Wie nutzen Sie KI in Ihrem Büro konkret?

Florian Scheible: Ein zentrales Thema ist bei uns Wissensmanagement. Das war ja immer schon ein Problem: Aktenordner und Serverstruktuen, in denen niemand mehr etwas findet. Jetzt haben wir einen Quantensprung: Über eine KI-Suche finde ich Inhalte, fast egal wie sie abgelegt sind. Das funktioniert noch nicht perfekt, aber der Trend ist klar, auch wenn aktuell Datenbanken Vorteile bieten. Aber das Wichtigste ist: Je mehr ich dokumentiere, desto besser wird die Grundlage für KI. Das war bisher nicht unbedingt so, denn ein Mehr an Dokumentation bedeutete bislang nicht zwangsläufig, dass Prozesse übersichtlicher wurden.

Unser konkreter Schwerpunkt ist Qualitätssicherung. Wir arbeiten daran, KI als Qualitätssicherungstool einzusetzen, nach dem Motto: Jeder Fehler, den KI findet, ist ein gefundener Fehler. Einen nicht gefundenen Fehler hätten wir selbst auch nicht gefunden. Die Dokumente müssen nicht mit KI erstellt werden, KI prüft aber gegen die eigenen Standards und verfügbaren Informationen. Das ist eine low-hanging fruit: leicht umzusetzen, hoher Mehrwert.

IK-Bau NRW: Wie unterscheidet sich die KI-Nutzung von Architekten und Ingenieuren?

Florian Scheible: In der Objektplanung geht es in frühen Phasen nicht um 0 oder 1, sondern darum, möglichst viele Optionen zu jonglieren. Da ist KI stark. Im Tragwerk hingegen ist ql²/8 eine hervorragende Formel, die braucht keinen Wahrscheinlichkeitsgenerator.

Ich nehme an, dass Ingenieure die KI-Entwicklung auf andere Weise nutzen werden: Wir sind seit den 70er Jahren softwareaffin, seit FEM programmieren wir. Wir werden uns schnell daran gewöhnen, kleine Tools und Skripte mit Vibe Coding zu erstellen und diese dann als Werkzeuge zu nutzen. Man sieht zwar erste BIM-Tools, die auch die statische Berechnung mit KI angehen. Ich bezweifle aber, dass sich das schnell durchsetzen wird.

IK-Bau NRW: Droht durch KI eine Gleichschaltung des gestalterischen Denkens, eine Art Durchschnittsästhetik?

Florian Scheible: Diese Frage diskutieren wir in der Bundesarchitektenkammer sehr intensiv. Ein wesentlicher Punkt: KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie trainiert wurde. Die großen Modelle kommen aus den USA und ihre Datenbasis ist amerikanisch. Egal wie klug ich prompte, das Modell zieht immer in Richtung dieser Daten. Wenn ich eine europäische Stadt visualisieren will, liegen im Hintergrund US-amerikanische Stadtbilder. Das gilt auch für technische Details: Steckdosenhöhen nach amerikanischen Normen statt europäischen. Dazu kommt eine beunruhigende Rückkopplung, die das Max-Planck-Institut for Human Developments untersucht hat: Wörter, die KI häufig verwendet, tauchen zunehmend auch in unserer Alltagssprache auf. Man darf annehmen, dass für Bildwelten dasselbe gilt und es auch hier einen sogannten Feedback-Loop gibt.

Das strukturelle Problem: Wahrscheinlichkeitsbasierte Modelle erzeugen immer den Zug zum Durchschnitt, nicht zur Spitze. Sie generieren, was das Gros der eher durchschnittlichen Daten hergibt. Das ist bequem, wirtschaftlich, effizient. Aber Spitzenleistung entsteht so nicht. Allerdings: Das ist im Grunde schon immer so. Das Gros der Planenden tendiert aus klassischen Gründen zum Durchschnitt: Kosten, Zeit, Aufwand. Was KI leisten kann: den Durchschnitt anheben. Provokativ kann man sagen, dass KI-generierte Bilder von Gebäuden besser erscheinen als vieles, was in deutschen Vorstädten gebaut wird. Dafür braucht es aber innovative Prompts und kreative Interaktion zwischen Mensch und Maschine.

IK-Bau NRW: Braucht die Ingenieurausbildung künftig auch ein Verständnis für KI-Blackboxes, also für das, was im Modell eigentlich passiert?

Florian Scheible: Noch gibt es nur Ansätze, wie tiefe neuronale Netze transparent gemacht werden können. Regulatorische Anforderungen erhöhen jedoch den Druck, weshalb sich dies zu einem eigenen Forschungsfeld entwickelt. Das ist kein Stoff für die Ingenieurausbildung. Was die Hochschulen aber dringend brauchen: Die Frage, wie KI sinnvoll eingesetzt wird. An welchem Punkt macht sie Sinn, wo nicht, wo verläuft die Grenze zwischen Mensch und Maschine? Das muss verhandelt werden.

Das ist aber auch eine Chance: Die Studierenden sind Digital Natives, sie haben ein Gespür dafür und gehen mit einer natürlichen Naivität heran.. Die Lehrenden haben die größere Lebenserfahrung. Diese forschende Naivität mit der Erfahrung zu kombinieren, das ist eine Stärke der Hochschulen, die sie in diesen Prozess einbringen können und mein Eindruck ist, dass sich bereits einiges in der Richtung tut.

IK-Bau NRW: Und auf der gesellschaftlichen Ebene: Brauchen wir normative Grenzen, oder liegt die Entscheidung beim Individuum?

Florian Scheible: Nur Regulierung kann bewirken, dass nicht alles, was wirtschaftlich gewinnversprechend ist, gemacht wird. Nur so kann eine ethische Haltung wie human in the loop in der Breite wirksam werden. Das lässt sich gut zeigen an dem Rechtsinstrument der Beweislastumkehr für KI-Modelle, das die EU eingeführt hat. Normalerweise muss ich als Geschädigter dem Hersteller nachweisen, dass sein Produkt den Schaden verursacht hat. Bei einem Brand geht das, die Feuerwehr analysiert den Brandherd und stellt fest: Kaffeemaschine mit Kurzschluss. Bei einer Blackbox ist das unmöglich. Deshalb gilt in der EU hierfür das umgekehrte Prinzip: Der KI-Hersteller muss nachweisen, dass sein Modell nicht die Ursache war. In der Praxis wird das sicher selten durch Planungsbüros eingeklagt werden. Aber der Effekt ist wichtig: Er setzt die Hersteller unter Druck, ihre Modelle tatsächlich zuverlässig zu machen und nicht Beta-Versionen auf den Markt zu bringen. Hier schützt der Staat die Bürger, und das ist gut so.

Auf der anderen Seite haben wir als Individuen noch gar nicht erkannt, was da eigentlich auf uns zukommt. Bei früheren industriellen Revolutionen waren die Auswirkungen unmittelbar sichtbar. Aber jetzt reden wir über eine intellektuelle Revolution. Die Auswirkungen sind schwerer abzulesen und deutlich komplexer.. Daher muss die Gesellschaft einen Standpunkt für sich entwickeln. Sie muss eine Haltung dazu einnehmen und die Politik muss entsprechende Schlüsse daraus ziehen.

Heiner Kuhlmann

Florian Scheible ist Architekt und Co-Gründer von Schöne Neue Welt Ingenieure. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit dem ressourcenschonenden und emissionsarmen Bauen von Gebäudehüllen und Tragwerken und setzt sich für die Kreislaufwirtschaft im industriellen Maßstab ein. In der Architektenkammer Berlin sowie der Bundesarchitektenkammer befasst er sich mit der Digitalisierung und ethischen Themen rund um KI, die er in seinen Vorträgen aufgreift.

Das Interview führte Dr. Bastian Peiffer, Pressesprecher der IK-Bau NRW.